Compasso

Compasso-Mitglied Pro Mente Sana: «Die Corona-Pandemie trifft insbesondere vulnerable Menschen»

Die Stiftung Pro Mente Sana engagiert sich seit 1978 für psychisch beeinträchtige Menschen. Während der Corona-Krise hat Pro Mente Sana ihr Angebot weiter ausgebaut und auf die neuen Herausforderungen und Bedürfnisse zugeschnitten. Ein Lagebericht von Roger Staub, Geschäftsleiter von Pro Mente Sana.

Roger Staub, wie haben Sie die letzten zwei Monate auf der Geschäftsstelle von Pro Mente Sana erlebt?
Mit dem Lockdown ist es in unseren Büros in Zürich-West sehr ruhig geworden, weil viele im Homeoffice arbeiten und praktisch keine Sitzungen mehr stattfanden. Von Kurzarbeit aber keine Spur: Wir haben eine Reihe von neuen Angeboten geschaffen und ich habe viel Zeit ins Fundraising für die zusätzlichen Angebote investiert.

Welche Fragen und Unsicherheiten der anrufenden Personen waren die vordringlichsten?
Viele Fragen drehten sich um Ängste wegen Corona. Viele Ratsuchende hatten das Problem, dass sie aufgrund des Lockdowns Hilfsangebote im Zusammenhang mit ihren bestehenden psychischen Beeinträchtigungen nicht mehr in Anspruch nehmen konnten und so ihr Leben destabilisiert wurde.
Insgesamt erreichen uns im Moment viel mehr Anrufe als vor Ausbruch der Corona-Pandemie. Als erste Sofortmassnahme haben wir deshalb unsere Telefonberatungszeiten massiv ausgedehnt von bisher 18 Stunden auf fast 40 Stunden pro Woche. Wir beraten jetzt täglich, auch am Wochenende.

Ein besonderer Fokus gilt in dieser herausfordernden Zeit auch den Vorgesetzten und Arbeitgebenden: Sie müssen mit noch mehr Feingefühl ihre Mitarbeitenden im Homeoffice betreuen, ohne physische Begegnung. Was gilt es hier besonders zu beachten?
Gerade der persönliche Kontakt ist jetzt zentral: Es braucht mehr Gespräche und Zeit, als wenn man in physischer Nähe im Büro zusammen arbeitet, halt per Telefon oder Video-Meeting. Soziale Nähe bei physischem Abstand ist das Gebot der Stunde, auch für Vorgesetzte. Und Verständnis für allfällige Belastungen zu Hause wie Kinder, enge räumliche Verhältnisse, nicht adäquate Infrastruktur etc.

Welche zusätzlichen Hilfestellungen von Seiten Arbeitgeber bieten Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung im Homeoffice die grösste Unterstützung?
Vertrauen und Verständnis sind aus meiner Sicht das Wichtigste: Vertrauen vermitteln, immer wieder, und Verständnis aufbringen für allfällige Zusatzbelastungen aus der Homeoffice-Situation. Und immer wieder das Gespräch suchen, nachfragen, sich interessieren und bei Bedarf auch Hilfe und Unterstützung anbieten.

Haben Sie seit dem Ausbruch der Corona-Krise eine Zunahme bei den Anrufen und Anfragen von Arbeitgebenden erlebt? Wenn ja, welches waren ihre zentralsten Anliegen?
Arbeitgebende wenden sich selten an uns, obwohl wir unsere Beratungen nicht nur Betroffenen und Angehörigen, sondern auch Fachpersonen und Arbeitgebenden anbieten. Grösser ist die Nachfrage nach Seminaren und Kursen für Management, Linenmanager und Mitarbeitende. Mich freut besonders, dass einige grosse Unternehmen Kader und Mitarbeitende in psychischer Gesundheit sensibilisieren und schulen.

Sie bieten Kurse an, in welchen man lernt, bei psychischen Problemen im persönlichen Umfeld selbst zu handeln. Neu bieten Sie diese Kurse auch online an. Weshalb sind die Kursinhalte in Zeiten von Corona insbesondere auch für Arbeitgebende interessant und wichtig?
Mit der Teilnahme an einem ensa – Erste Hilfe für psychische Gesundheit Kurs können wir alle den Analphabetismus in psychischer Gesundheit überwinden und lernen, wie wir da, wo wir leben und arbeiten, Menschen, denen es nicht gut geht, Erste Hilfe anbieten können. Betroffene mit einer psychischen Belastung schweigen und leiden bis es gar nicht mehr geht. Dann ist es meist schon sehr spät, die Therapien sind schwierig, langwierig und teuer. Wenn Betroffene aus dem Umfeld früh angesprochen werden, können sie oft motiviert werden, sich helfen zu lassen, bevor z.B. aus einer leichten Depression eine schwere Depression oder ein Burnout entstanden ist. Das spart Leiden, Kosten und Arbeitsausfälle und nützt allen.

Weitere Informationen zu Pro Mente Sana und den Angeboten inCLOUsiv und Recovery College finden Sie hier, alles Wissenswerte zu den ensa Online-Kursen, erste Hilfe für psychische Gesundheit, hier.

(03.06.2020)
Weiterleiten