Compasso

Ast & Fischer AG

Arbeitgeber Daniel Troxler

Im Herbst habe ich einen Telefonanruf erhalten, ob ich „Job Coach Placement“ kennen lernen möchte. Da ich offen für Neues bin, war ich einverstanden, dass der Leiter von „Job Coach Placement“ zu mir in die Druckerei kommt und mir näher erklärt, wie sie Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung bei Arbeitseinsätzen in der Privatwirtschaft begleiten. Zwei Tage später habe ich zurückgerufen: „Machen wir das. Ich übernehme jemanden.“ Wir haben das Profil von Herrn S. angesehen: Informatiker, dann Projektleiter in der Baubranche, der nach einem Burnout den Wiedereinstieg in die Arbeit sucht. „Der hat ein breites und vertieftes Wissen“, habe ich mir gesagt. Später hat sich herausgestellt, dass er früher sogar schon mit Digitaldruck gearbeitet hat: Er hat Autos beschriftet. Ein paar Tage später hat er seinen sechsmonatigen Einsatz bei uns angepackt. Wir haben rasch gemerkt: Diesen Mann wollen wir anstellen. Und er hat das Zeug für eine Führungsposition.

Arbeitnehmer Herr S.

Ich bin gelernter Autolackierer, habe dann aber eine Lösungsmittelallergie bekommen. Meine Neuorientierung, ein Studium in Wirtschaftsinformatik, hat leider nicht den erhofften Arbeitsplatz gebracht: Als ich fertig war mit dem Studium, war die Zeit, in der man viele Informatiker suchte, vorbei. Übers RAV wurde ich damals an einen Dachdecker vermittelt und so habe ich für zwei Jahre als Dachdecker gearbeitet. Daraus hat sich schliesslich eine Stelle als Bauführer und Disponent ergeben, also Betriebsleiter mit sechs unterstellten Mitarbeitenden.

Arbeitnehmer Herr S.

Als Betriebsleiter musste ich alles selber machen: Kundenbesuche, akquirieren, Rechnungen stellen, Disposition, Qualitätskontrolle. Damals habe ich 14 Stunden, Mitte Saison 16 Stunden pro Tag gearbeitet. Als wir einen Grossauftrag bekommen haben, war ich komplett aufgeschmissen. Ich konnte nicht mehr abschalten. Ich konnte nicht mehr einschlafen. Von einem auf den anderen Tag ist nichts mehr gegangen. Das erste Burnout. Nach einer längeren Auszeit habe ich im Aussendienst weiter gearbeitet. Dann hat mich ein Konkurrenzbetrieb abgeworben. Dort hat es gut ausgesehen: Die Arbeit werde nach einer Neustrukturierung auf zwei Leute aufgeteilt, hat es geheissen. Aber nach einem halben Jahr hat sich herauskristallisiert, dass ich das alles wieder alleine machen soll. Ich kann einfach nicht nein sagen. Da hat es mich ein zweites Mal erwischt.

Arbeitgeber Daniel Troxler mit Arbeitnehmer Herr S.

Begonnen hat Herr S. mit einfacheren Tätigkeiten in der Ausrüsterei mit Zuschneiden, Falzen, Bandagieren, Verpacken. Das hat uns die Möglichkeit gegeben, uns gegenseitig kennen zu lernen und zu schauen, wie er in der neuen Arbeitssituation zurecht kommt. Er ist in einen Bereich gekommen, den er nicht gekannt hat. Das Gute: Er hat die Tätigkeiten, die man ihm zugeteilt hat, hinterfragt: Wie kann ich das schneller, besser, einfacher machen? Das hat mich beeindruckt. Bald habe ich mit ihm Gespräche geführt und ihn gefragt, wo er sich sehen würde. So sind wir im Digitaldruck gelandet. In diesem Bereich müssen die Abläufe neu strukturiert werden. Die Aufgabe von Herrn S. ist es nun, dies organisatorisch und mit dem Personal umzusetzen.

Arbeitgeber Daniel Troxler

Sobald klar war, Herr S. kommt zu uns, habe ich das Team informiert: “Wir bekommen einen Mitarbeiter, der ein Burnout gehabt hat. Dieser wird wieder eingegliedert und startet bei uns 50%. Und wir können uns vorstellen, dass er nachher auch bei uns weiterarbeiten wird.“ Die Mitarbeitenden haben ihn offen und herzlich empfangen. Aber es gab auch Fragen: „Redet der nun in meinen Bereich rein? Wird er ein Konkurrent auf meiner Maschine?“ Es braucht immer Fingerspitzengefühl, wenn man einen neuen Mitarbeiter in ein Team einfügt und ihm auch noch spezielle Aufgaben gibt. Nun ist er voll ins Team integriert. Er hat sogar einen ‚Götti’, der ihn rigoros nach Hause schickt, wenn seine Arbeitszeit um ist. Gleichzeitig ist seine 50% Beschäftigung unser Dilemma. Wenn er mittags geht, muss jemand den Auftrag zu Ende bringen – oder Herr S. arbeitet länger als er sollte. Das entscheiden wir jeweils gemeinsam.

Arbeitnehmer Herr S.

Nach meinem zweiten Burnout haben mich meine Krankentaggeldversicherung und später auch die IV-Beraterin auf „Job Coach Placement“ aufmerksam gemacht. Für mich war das Wichtigste, wieder einen Tagesrhythmus zu haben. Nun ist mein nächster wichtiger Schritt, an mir selbst zu arbeiten und zu lernen, nein zu sagen. Herr Troxler und ein Mitarbeiter, mit dem ich enger zusammenarbeite, unterstützen mich in diesem Ziel. Genau deshalb habe ich keine Angst, wieder mehr Verantwortung zu übernehmen. Wenn ein gegenseitiges gutes Verhältnis, ein Dialog da ist, kann man sich selbst mehr zutrauen. Ich möchte mein jetziges Arbeitspensum von 50% stufenweise bis 80-100% aufstocken. Aber ich bin vorsichtig und beobachte mich genau. Mein Arzt hat mir gesagt, ein Burnout dauere zwei bis drei Jahre, deshalb bin ich vorsichtig und beobachte meine Leistungsfähigkeit aktiv. Ich hätte nie damit gerechnet, dass ich ein Angebot bekomme, zu bleiben. Nun bin ich glücklich.

Arbeitgeber Daniel Troxler mit Arbeitnehmer Herr S.

Bis Ende April war Herr S. noch unentgeltlich bei uns, dieser Trainingsarbeitsplatz wurde über die IV finanziert. Nun haben wir ihn fest angestellt, dürfen aber noch 6 Monate lang auf den Jobcoach zurück greifen, wenn wir Bedarf haben. Er ist nun verantwortlich für den Bereich Digitaldruck. Er setzt seine Leute so ein, dass die Produktionen termingerecht raus gehen können. Das Team ist so klein, dass er auch in der Produktion mitarbeitet. Wir haben gemeinsam besprochen, wie die personellen Abläufe gestaltet sind. Parallel dazu, wie es aus technischer Sicht ablaufen muss, damit die Aufträge funktionieren. Herr S. ist eine kommunikative Person. Das macht mich zuversichtlich. Ich weiss, wenn ihn etwas stört oder wenn etwas nicht läuft, dann kommt er zu mir. Ich werde dennoch auch selbst darauf achten, dass wir ihn nicht überlasten.

Arbeitgeber Daniel Troxler mit Arbeitnehmer Herr S.

Zum Angebot „Job Coach Placement“ gehört auch ein Job Coach, zur Unterstützung für mich und für Herrn S. Wir haben ihn nur einmal monatlich getroffen, da alles gut gelaufen ist – aber gut zu wissen, dass er da wäre, wenn Fragen aufkommen. So ein Trainingsarbeitsplatz kann Unruhe im Team verursachen, das ist ein mögliches Risiko für einen Betrieb. Für mich überwiegen aber eindeutig die Chancen: Ich kann zukünftige Mitarbeiter kennen lernen – ohne Risiko. Das kann ich sonst nicht. Es wird jemand vermittelt, der passt; einen Metzger hätten sie uns hier nicht in die Druckerei gestellt. Ich war positiv überrascht, wie flexibel und rasch es vorwärts geht. Ich würde sofort wieder einen Trainingsarbeitsplatz zur Verfügung stellen. Er dient dem Betroffenen zur Wiedereingliederung, nützt aber auch der Firma im Sinne von zusätzlichem Wissen oder Unterstützung in bestimmten Bereichen. Es gibt in allen Abteilungen immer wieder Wechsel und immer wieder Chancen. // März 2011
Weiterleiten