Compasso

Die Schweizerische Post

Arbeitgeber Richard Mann

Vor rund eineinhalb Jahren bekamen wir hier im Cash Center, wo Bargeld verarbeitet wird, eine neue Mitarbeiterin im Rahmen des Projekts „Integration behinderte Menschen bei der Post“. Frau H. wurde uns von der VEBO in Oensingen vermittelt. Die VEBO ist eine Genossenschaft, wo Behinderte an geschützten Arbeitsplätzen oder Ausbildungsplätzen arbeiten. Für Frau H. war ein Einsatz in der Münzverarbeitung vorgesehen. Als Teamleiter wurde ich von Andreas Eckardt, dem Leiter des Cash Centers und Fritz Moser, dem Projektleiter, früh in diesen Auswahlprozess einbezogen. Ich war grundsätzlich offen und habe es einfach auf mich zukommen lassen. Für das Team ist es ja eine Erleichterung, wenn jemand Tätigkeiten übernimmt, die eher einfach sind. Dann können die anderen sich auf die Aufgaben konzentrieren, die zu ihrem Profil passen. Heute kommen wir fast in einen Engpass, wenn die Mitarbeitenden von der VEBO einmal nicht da sind.

Arbeitgeber Richard Mann mit Fritz Moser, Projektleiter „Integration behinderte Menschen bei der Post“

Zusammen mit Fritz Moser haben wir bei uns zwei Tätigkeiten herausgefiltert. Die VEBO hat uns vier dafür geeignete VEBO-Mitarbeitende vorgeschlagen, die heute abwechselnd halbtags bei uns arbeiten. Ihre Krankheitsbilder müssen wir nicht kennen, die VEBO weiss aus Erfahrung, dass diese Personen geeignet sind für diese Arbeiten. Frau H. hat sogleich begriffen, was wir von ihr wollen und hat das auch sehr gewissenhaft umgesetzt. Am Anfang hat es Geduld gebraucht. Manchmal hat zwei-, dreimal vorzeigen nicht gereicht. Aber heute arbeitet sie selbständig. Dank Fritz Moser haben wir das Team gut auf dieses Projekt vorbereitet. Alle haben gewusst, um was es geht – das sensibilisiert. Andererseits soll keine übertriebene Rücksichtnahme entstehen. Diese Mitarbeitenden wollen ihren Einsatz leisten. Man kann ganz klare Fristen setzen: „Bis dann muss es ge¬macht sein.“ Oder: „In dieser Qualität muss es gemacht sein.“

Arbeitnehmerin Frau H.

Herr Moser ist einmal zu uns in die VEBO gekommen. Er hat von der Arbeitsmöglichkeit bei der Post erzählt. Er hat gesagt, dort hat man mit Geld zu tun, deshalb braucht es zuerst einen Betreibungs- und Strafregisterauszug. Ich habe das rasch organisiert, denn ich habe keine Schulden oder ähnliches. Dann bin ich für diese Arbeit ausgewählt worden, zusammen mit drei Kollegen. Ich war richtig überrascht vom guten Klima. Die Leute waren sehr aufgestellt und freundlich und haben mir gleich das Du angeboten. Ich konnte direkt an die Arbeit: Kartons falten, Münz einpacken, wiegen. Bei mir geht es halt immer etwas länger, bis ich etwas begreife. Das kommt auch von den Medikamenten, die ich regelmässig nehmen muss. Es hat nie jemand etwas gesagt, auch wenn ich zum zehnten Mal etwas gefragt habe. Als ich dann gemerkt habe, dass ich es kann, waren meine Ängste weg und ich habe mich gefreut, am nächsten Tag wieder zu kommen.

Arbeitgeber Richard Mann mit Arbeitnehmerin Frau H.

Frau H. hat uns schon mehrmals aus schwierigen Situationen geholfen. Einmal hat es Probleme mit unseren Produktionsmaschinen gegeben. Da haben wir zusätzliches Personal von der VEBO eingesetzt. Es wurden auch untypische Tätigkeiten gemacht, etwa Altmünz von Hand sortieren. Da hat Frau H. uns wahnsinnig geholfen, die Termine einzuhalten. Wir haben gemerkt: Es hilft, wenn wir vorzeigen, was die VEBO-Mitarbeitenden genau machen müssen. Dann lernen sie schnell. Eine andere Erkenntnis war, dass ein Rhythmus, z.B. mit den Pausen, wichtig ist.

Arbeitgeber Richard Mann mit Arbeitnehmerin Frau H.

Da wir bei der VEBO angestellt sind, haben wir andere Arbeitszeiten als die anderen Mitarbeitenden. Denn wir arbeiten nicht im Schichtbetrieb. Von vier VEBO-Mitarbeitenden sind zwei jeweils je halbtags hier, für eine Woche. Die Woche darauf dann die zwei anderen. Wenn ich nach einer Woche wieder bei der Post bin, freue ich mich auf meine Arbeit. Mir hat diese Anstellung Selbstvertrauen gegeben. Ich traue mir immer mehr zu. Bei Ausseneinsätzen von VEBO-Mitarbeitenden übernehme ich jetzt manchmal die Aufgabe zu schauen, dass alles gut läuft.

Arbeitgeber Richard Mann mit Team-Mitarbeiter, Arbeitnehmerin Frau H.

Vielleicht war die Erfahrung bisher so positiv, weil wir am Anfang nicht zu grosse Erwartungen an die neuen Mitarbeitenden hatten. Wir haben gesagt, wir versuchen es. Es kam auch schon vor, dass einer von ihnen nicht so gut drauf war. Dann haben wir ihm jemanden von uns zur Seite gestellt. Es ist ein Geben und Nehmen. Ein anderes Mal bietet einer von ihnen an, eine Stunde länger zu bleiben, wenn noch viel Arbeit zu machen ist. Die VEBO verrechnet uns die geleisteten Stunden. Das ist von beiden Seiten so abgesegnet. Die Mitarbeitenden sind seit diesem Jahr im Budget der Abteilung fest eingeplant. Die Produktivität ist um einiges gestiegen. Die anderen Mitarbeitenden müssen keine vorbereitenden Tätigkeiten mehr machen. Das Sortieren und Verpacken übernehmen die VEBO-Mitarbeitenden. Das hält die Produktion aufrecht und hilft, die Produktivität ständig zu steigern.

Arbeitgeber Richard Mann

Ich muss sagen, ich möchte keine dieser vier Personen mehr missen. Die Mitarbeitenden mit Behinderung wollen ihr Bestes geben und versuchen, so schnell wie möglich das zu erreichen, wofür sie eingeplant sind. Zu Beginn haben wir sie nur für eine Tätigkeit vorgesehen. Aber wir haben gemerkt, wie belastbar und wie lernbegierig sie sind – und so haben wir sie auch breiter eingesetzt.

Arbeitgeber Richard Mann

Fritz Moser hat auch schon mit anderen Abteilungen der Post gesprochen. Und auch wir können andere nur ermutigen: Macht einen solchen Versuch! Die Qualität leidet nicht – im Gegenteil. Punkto Produktivität ist es vielleicht anfangs eine kleine Einbusse. Danach aber steigt sie, denn die Mitarbeitenden sind sehr motiviert und wollen ihre Arbeit immer noch besser machen. Entscheidend ist, genau darauf zu achten, dass sie für die Tätigkeiten die richtigen Voraussetzungen mitbringen. Wir haben den VEBO-Betreuern im Vorfeld die Tätigkeiten genau erklärt. Die Betreuer kennen die Stärken und Schwächen ihrer Mitarbeitenden aus den internen Produktionsstätten. Sie konnten die richtigen Personen auswählen. // Oktober 2011
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