Compasso

Gourmet González

Arbeitgeber Carlos González

Einer der Restaurantgäste, der Sozialvorsteher von Reussbühl, hat mich angesprochen: „Es gibt ein neues Programm der Stiftung Brändi: Back to work. Es geht darum, Sozialhilfebeziehende wieder in den Arbeitsprozess einzugliedern.“ Er hat mich gefragt, ob ich mitmachen würde. Das war neu für mich. Als Unternehmer sage ich mir aber immer, schlecht ist nur, passiv zu bleiben. Will ich eine neue positive Erfahrung gewinnen, gehört auch Risiko dazu.

Arbeitgeber Carlos González

Man hat mir Frau R. in einem Gespräch vorgestellt: 25 Jahre alt, Sekundarschul-Abschluss. Sie habe eine längere persönliche Krise hinter sich, hat mich der Jobcoach der Stiftung Brändi informiert. Auf mich hat sie sehr verunsichert gewirkt. Wir haben ein Praktikum als Allrounderin bei uns im Betrieb vereinbart. Sie ist vom ersten Tag an immer pünktlich erschienen und hat schell gelernt. Ich habe gemerkt, wie wichtig ihr die Arbeit ist. Im Umgang mit den Gästen war sie manchmal ungeschickt, schüchtern, verkrampft. Ich habe es den Kunden erklärt: „Sie muss jetzt einfach lernen, sie braucht ein wenig Zeit.“ Das wurde akzeptiert.

Arbeitnehmerin Frau R.

Als mein Chef mir angeboten hat, nach dem Praktikumsjahr bei ihm eine Lehre als Restaurationsfachfrau anzufangen, war ich wirklich überwältigt vor Freude. Das hätte ich mir nie erhofft. Es ist lustig, manchmal gehe ich morgens zuhause mit schlechter Laune los, aber wenn ich hier die Tür zum Restaurant aufmache, kommt automatisch ein Lächeln auf mein Gesicht. Diese Arbeit gibt meinem Tag eine Struktur. Ich mag die Gäste, die Kollegen hier. Meinem Chef kann ich vertrauen, wir sprechen offen über alles.

Arbeitgeber Carlos González, Arbeitnehmerin Frau R.

„Mit anderen Angestellten habe ich ehrlich gesagt oft mehr Probleme, es gibt leider viele Wechsel. Frau R. ist sehr loyal. Sie sagt mir immer ehrlich, wenn Gäste nicht zufrieden waren. Und ich kann auf sie zählen. Letzte Woche war jemand krank. Da bat ich sie, ausnahmsweise nach der Schule noch zu arbeiten. Sie war einverstanden.“ – „Ich rechne nun immer die Kasse ab. Das mache ich sehr gerne. Es ist mehr Verantwortung. Und ich sehe, wie viel Umsatz wir gemacht haben, das interessiert mich.“

Arbeitnehmerin Frau R.

Frau R. hat nach und nach Selbstvertrauen entwickelt. Sie tritt heute viel bewusster auf, schminkt sich, zieht sich gepflegt an, hat eine Leichtigkeit im Umgang mit den Gästen gefunden. Einige haben das mitbekommen und freuen sich auch darüber.

Arbeitgeber Carlos González, Arbeitnehmerin Frau R.

Sobald Frau R. ihren wöchentlichen Schultag hinter sich hat und ich Zeit finde, besprechen wir, was sie gelernt hat. Es ist für mich neu, Lehrmeister zu sein. Ich musste das extra beantragen für meinen Betrieb. Aber diese Verantwortung bereichert mich persönlich. Ich merke, dass ich stolz bin, Frau R. hier ausbilden zu können und ich möchte, dass sie einen guten Lehrabschluss macht. Ich wollte, dass sie nach dem Praktikumsjahr eine Perspektive hat. // November 2009
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