Compasso

Internationales Uhrenmuseum

Arbeitgeberin Nicole Bosshart

Vor zwei Jahren empfing ich einen Berater der IV-Stelle Neuenburg. Er hat mich sehr gut über die allgemeine Situation der Beruflichen Eingliederung und die Vorteile eines IV-Praktikums für einen Arbeitgeber informiert. Da habe ich beschlossen, dass wir hier im Sekretariat des Museums einen IV-Praktikanten aufnehmen sollten. Die Stadt von La Chaux-de-Fonds, die das Uhrenmuseum betreibt, verfolgt seit langem eine soziale Personalpolitik, also habe ich gewusst, dass ich von dieser Seite Unterstützung bekommen würde.

Arbeitgeberin Nicole Bosshart

Mit meinen zwei Kollegen der Direktion und den Mitarbeitenden haben wir Wünsche formuliert, welche Fähigkeiten der Praktikant mitbringen sollte. Wir sind ein Museum mit wertvollen Gegenständen, also musste ein gutes Sicherheitsverständnis da sein. Wichtig sind für die Arbeit im Sekretariat auch gute Buchhaltungs-Kenntnisse und Teamfähigkeit.

Arbeitnehmer Herr J.

Ich habe viele verschiedene Arbeitssituationen hinter mir, bin auch lange arbeitslos gewesen. Aber ich habe immer für einen Job gekämpft, die Hände nicht in den Schoss gelegt. Da ich von Geburt her an Ataxie leide, bekam ich von der IV Physiotherapie, bis ich volljährig war. Dann entliess mich die IV zunächst. Nach dem 10. Schuljahr habe ich die Kantonale Verkehrs- und Verwaltungsschule in Biel absolviert, ich wollte zur SBB. Es gab einen Gesundheitstest innerhalb der Aufnahmeprüfung. Man hat mich aufgrund meiner Beeinträchtigung nicht zugelassen, Grund waren die hohen Anforderungen bezüglich Sicherheit der Bahn-Reisenden. Ich habe dann eine KV-Lehre gemacht. Schon zweimal habe ich an geschützten Arbeitsplätzen gearbeitet. Heute bekomme ich eine 50% IV-Rente und bin 50% arbeitsfähig.

Arbeitgeberin Nicole Bosshart, Arbeitnehmerin Herr J.

Der klare Vorteil für mich als Arbeitgeberin ist gewesen, dass Herr J. als IV-Praktikant zunächst ein Jahr kostenlos hier gearbeitet hat. Wir haben gut prüfen können, welche Arbeiten für ihn möglich sind und welche nicht, was seine besonderen Bedürfnisse sind. Am Anfang braucht es etwas mehr Zeit, bis er eine Aufgabe wirklich begriffen hat und sie tadellos ausführen kann. Wenn ein anderer Mitarbeitender etwa zwei Tage braucht, bis er etwas Neues umsetzen kann, braucht Herr J. ungefähr zwei Wochen. Aber dann klappt es einwandfrei.

Arbeitgeberin Nicole Bosshart, Arbeitnehmerin Herr J.

Man muss ihm einfach mehr Details erklären, er ist mehr als perfektionistisch, manchmal wird es dann kontraproduktiv. Er stellt aber immer die richtigen Fragen. Als Arbeitgeber muss man sich klar machen: Wenn man jemanden mit einer Beeinträchtigung einstellt, wird er immer anders sein als die anderen, immer etwas mehr Aufmerksamkeit brauchen als die anderen, und das ändert sich nicht. Seit August 2008 ist Herr J. fest bei uns eingestellt, er hat eine 50%-Stelle, auch wenn seine Leistung nicht ganz einem 50%-Pensum entspricht.

Arbeitnehmer Herr J.

Hier im Sekretariat des Uhrenmuseums zu arbeiten, empfinde ich als Wertschätzung. Ich bin stolz darauf, unsere Region ist ja die Wiege der Uhrenindustrie. Es ist wichtig für mich, an einer Stelle zu arbeiten, für die ich ausgebildet bin und die mich fordert. Aber in der Privatwirtschaft wäre es wohl zu hektisch für mich, Hektik ertrage ich nicht. Für meine Aufgaben im Sekretariat bin ich allein verantwortlich, die Buchhaltung der verschiedenen Kassen, die Post, die Organisation von Besuchergruppen. Da ich zweisprachig bin, kann ich für die anderen auch oft kleinere Texte ins Deutsche oder Französische übersetzen. Ein wenig Englisch habe ich gelernt, als ich im Sekretariat des englischsprachigen Pfadizentrums in Kandersteg gearbeitet habe.

Arbeitnehmer Herr J., Arbeitskollegin

Als ich hier angefangen habe, habe ich den Kolleginnen und Kollegen gesagt, dass ich beeinträchtigt bin, was ich kann und was ich nicht kann. Ich glaube, das ist gut angekommen. Sie wissen, dass mir meine Beeinträchtigung bewusst ist. So können sie mir auch sagen, wenn etwas noch nicht ganz zufriedenstellend gemacht ist und ich habe kein Problem, auch einmal zweimal zu fragen, wenn ich etwas nicht gleich verstehe. Ich fühle mich akzeptiert und respektiert. Wenn meine Kollegin im Sekretariat in die Ferien geht, übernehme ich ihre Stellvertretung.

Arbeitgeberin Nicole Bosshart

Ich finde, nur weil jemand ein gesundheitliches Problem hat, darf das sein Arbeitsleben nicht beeinträchtigen. Wenn ich einer Person mit einem Handicap eine normale Stelle im ersten Arbeitsmarkt geben kann, kann ich einen Teil seiner Behinderung gewissermassen ausradieren. Oft zeigt der Arbeitnehmer eine grosse Dankbarkeit dafür. Herr J. wirkt auf mich glücklich bei seiner Arbeit. Er kommt immer pünktlich, ist hilfsbereit und übrigens nicht öfter krank als andere. Diese Grundmotivation ist für mich als Arbeitgeberin ein Gewinn. Aus einer persönlichen Erfahrung heraus bin ich offen gewesen für diese Eingliederung. Im Bereich der Museumsaufsicht bieten wir auch anderen Arbeitnehmenden eine Chance, etwa Alleinerziehenden, die nur ein kleines Pensum und nur zu bestimmten Zeiten arbeiten können, oder Sozialhilfe-Empfangenden. So pflegen wir ein Klima des Dialogs und der Offenheit. // November 2009
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