Compasso

Restaurant Il Rusticone

Arbeitgeber Salvatore Trovato

Es gibt glückliche Fügungen: Als Herr M. mich gefragt hat, ob er bei mir im „Rusticone“ arbeiten könne, habe ich mich gerade nach einem neuen stellvertretenden Geschäftsführer umgesehen. Herr M. hat mir erzählt, er habe bei einem Skiunfall sein linkes Knie stark verletzt und sei nun in der Rehabilitation, begleitet von der Suva. Er ging an Krücken. Ich habe das medizinisch nicht wirklich einschätzen können. Wir kannten uns aber bereits länger, unter Italienern in Biel. In seiner Bar haben wir beide oft zusammen Fussball geschaut. Ich habe gewusst, Herr M. besitzt das Wirtpatent und er kann es mit den Gästen sehr gut. Aber natürlich musste sich Herr M. ganz neu in die Geschäftsführung eines Restaurants einarbeiten. Als Herr M. mir dann erläutert hat, dass die Suva seine Einarbeitung im „Rusticone“ finanzieren würde, habe ich Mut gefasst und mir gesagt, dass es eine Chance für eine erfolgreiche Neuanstellung ist und dass ich auf diese Weise das Risiko auch geschäftlich tragen kann.

Arbeitnehmer Herr M.

Dass ich mich wieder für die Gastronomie interessiert habe, hat nicht nur mit dem Skiunfall zu tun. Ich habe schon länger gewusst, dass ich mich beruflich neu situieren muss. Als Elektroingenieur habe ich verschiedene Führungsposten hinter mir. Ich habe nach dem Studium noch eine Weiterbildung im Verkauf gemacht, weil ich darin gut bin. Als Verkaufsleiter und im Kundendienst für einen internationalen Technologiekonzern und später in der Uhrenindustrie, hatte ich regelmässig 13- bis 15-Stunden-Arbeitstage. Dazu die Autofahrten zu den Kunden, jeweils 3-5 Stunden, im hektischen Stossverkehr. Eines Morgens bin ich wie üblich aufgestanden und wollte mich zuhause auf meinem PC auf den Büroserver einloggen – da haben meine Hände plötzlich gezittert. Ich konnte die Finger nicht kontrollieren, die Tastatur nicht bedienen. Es ging mir stimmungsmässig gut, daran erinnere ich mich genau. Ich habe überhaupt nicht verstanden, was gerade mit mir passiert ist.

Arbeitnehmer Herr M.

Ich habe mich nochmals eine Stunde hingelegt. Als ich nochmals versucht habe, mich einzuloggen, haben die Hände wieder stark gezittert. Ich war hilflos und habe meinen Hausarzt angerufen. In seiner Praxis bat er mich, mich nochmals auf seinem PC in meinen Büroserver einzuloggen – als er das Zittern meiner Hände gesehen hat, schrieb er mich ab sofort krank. Ich habe gesagt, das geht nicht, ich muss ins Büro, zu den Kunden – er hat es mir verboten. Es war ein Burnout. Die nächste Station eine Psychotherapie. Während der dreimonatigen Krankheitsphase bin ich dreimal pro Woche in ärztlicher Kontrolle gewesen. Gegen die Depressionen, die dann gekommen sind, brauchte ich Medikamente. Ich bin ein Mensch mit viel Energie, ich habe immer viel gearbeitet und war erfolgreich. Doch auf einmal ist es nicht mehr gegangen. Ich habe dann viel geschlafen, Gartenarbeit gemacht und Sport getrieben – unter anderem eben Skifahren. Einmal habe ich den Schnee falsch eingeschätzt. Der Sturz war heftig.

Arbeitgeber Trovato mit Arbeitnehmer Herr M.

Nach der Knieoperation habe ich mit meinem Betreuer von der Suva darüber gesprochen, wie ich möglichst rasch wieder arbeiten kann. Er hat mir von der „Initiative Reintegration“ erzählt. Bei einem Essen im „Rusticone“ habe ich Salvatore Trovato angesprochen und ihm vorgeschlagen, bei ihm einzusteigen. Zwischen meinen Führungsstellen als Elektroingenieur habe ich in Biel eine Bar eröffnet. Meine Kinder haben mich gebraucht, deshalb wollte ich weniger reisen. Die Arbeit in der Bar hat mir gefallen. Ich habe das Wirtpatent erworben. Dann habe ich die Bar verkauft, weil es meiner Tochter nicht gut ging und ich mich um sie kümmern wollte. Auch wenn in einem Restaurant alles komplexer ist, kann ich jetzt wieder bei meiner beruflichen Erfahrung mit der Bar anknüpfen. Salvatore Trovato möchte, dass wir beide alles können, damit wir flexibel sind, wenn einmal Personal fehlt. Ich koche gerne. Am Anfang hat er gesagt, Du machst alles im Büro und ich den Rest. Nun teilen wir uns bald alle Aufgaben.

Arbeitnehmer Herr M., im Bild mit dem Pizzaiolo

Die Personalführung in einem Restaurant ist anspruchsvoll. In den Spitzenzeiten über Mittag und abends ist es hektisch. Dann laufen sechs Öfen, es tickt wie in einem Uhrwerk. Wir haben Platz für 120 Gäste, abends ist es meistens voll. Die 11 Angestellten haben fixe Arbeitsverträge, sie brauchen Freitage, Ferien – da gilt es, sich gut zu organisieren. In der Bar habe ich auch mit Aushilfen gearbeitet, hier geht das aber nicht. Eine Hand muss in die andere arbeiten, alle müssen die Abläufe kennen. Ich habe die Verletzlichkeit eines Menschen, wenn er unter Stress ist, selbst kennen gelernt. Das kann ich nun den anderen gegenüber anwenden und in hektischen Phasen angemessen mit ihnen umgehen.

Arbeitnehmer Herr M.

Wichtig ist im Restaurant auch, die Warenbestellungen geschickt und sorgfältig zu planen und mit den Lieferanten gute Konditionen auszuhandeln. Wenn die Ware kommt, kontrolliere ich genau, dass alles frisch ist und genau das, was ich bestellt habe. Ich zahle alles cash, das bringt uns 2% Skonto – übers Jahr gesehen, lohnt sich das. Solche Überlegungen gehören auch zur Geschäftsführung, hier kann ich meine frühere Erfahrung aus dem Verkauf einbringen.

Arbeitnehmer Herrn M. mit Arbeitgeber Salvatore Trovato

„Ich bin sehr froh, hat mich die Suva mit dieser Initiative unterstützt, so dass ich nun seit 16 Monaten hier im „Rusticone“ arbeiten kann. Die Zusammenarbeit zwischen uns läuft wirklich gut, ein einziges Mal hatten wir eine Meinungsverschiedenheit – es war ein Missverständnis. Ich kann hier meine Energie richtig einsetzen und dabei gesundheitlich gut in Balance bleiben. Die Arbeit ist konkret, wir haben ein gutes Team und mit Salvatore Trovato besteht ein solides Vertrauensverhältnis.“ – „Wir haben diese Lösung gemeinsam gefunden, zusammen mit dem Betreuer von der Suva. Er hat mir die Initiative erklärt. Die Suva hätte während der Einarbeitung bis zu einem Jahr Taggelder bezahlt. Von Anfang an war klar, dass das Ziel eine Festanstellung sein muss. Nach sechs Monaten haben wir entschieden, den festen Anstellungsvertrag zu unterschreiben. Für diesen Prozess haben wir von der Suva die Erfolgs-Prämie von CHF 10'000.- bekommen.“ // Mai 2011
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