Compasso

Wenger Fenster AG

Arbeitgeber Alain Linder

Seit 2006 schreinert Herr R. bei uns, der Firma Wenger Fenster AG in Wimmis (BE). Ein eher ruhiger Mann, der besonders zuverlässig arbeitet. Im Dezember 2008 ist mir bei der Kontrolle der Zeitabrechnung aufgefallen, dass Herr R. ein paar Mal zu spät zur Arbeit gekommen ist – ohne dass er sich bei mir gemeldet hätte. Darauf angesprochen, hat Herr R. gesagt, er habe verschlafen. Zwei Tage später ist Herr R. zu mir ins Büro gekommen und hat mir erklärt, er habe in letzter Zeit Mühe, morgens aufzustehen. Ein innerer Widerstand hindere ihn daran.

Personalverantwortliche Nicole Wenger

Herr Linder hat sich umgehend mit mir zusammengesetzt und wir haben die Situation von Herrn R. näher angeschaut. Seit Dezember, und vor allem über Weihnachten und Neujahr, ist es Herrn R. immer schlechter gegangen – das haben wir beide bemerkt. Herr R. hat uns dann auch informiert, dass er gerade seine Medikamente umstelle, die er regelmässig einnehmen muss. Letztlich hat sich gezeigt, dass es das Arbeitspensum von 90% gewesen ist, das ihm nicht entsprochen hat. Im Herbst herrscht bei uns Hochbetrieb, da sind Zehn-Stunden-Tage keine Seltenheit. Das war eine zu hohe Belastung für ihn.

Personalverantwortliche Nicole Wenger

Herr R. hat aufgrund seiner psychischen Beeinträchtigung bereits früher eine IV-Rente bezogen. Er hat selber die Initiative ergriffen und gesagt, er melde sich dort wieder. Ich habe mich sogleich mit unserer Krankentaggeld-Versicherung in Verbindung gesetzt. Wir haben uns gemeinsam auf das Ziel geeinigt, dass sein Arbeitspensum auf 50% angepasst werden soll. Als ich mich dann auch noch selbst mit der IV in Verbindung gesetzt habe, konnte ich den Prozess beschleunigen. Heute arbeitet Herr R. zu 50% und erhält eine 50% Rente.

Arbeitnehmer Herr R.

Ich weiss seit zwölf Jahren, dass ich eine psychische Krankheit habe. Es ist mir wichtig, dass ein Arbeitgeber, der mich einstellt, das auch gleich weiss. Deshalb war ich immer offen und habe es ins Bewerbungsdossier genommen. Sonst ist es einfach schwierig, denn irgendwann kommt es sowieso ans Licht. Ich habe schon vor meiner jetzigen Stelle einmal eine IV-Rente bezogen, aber als es mir besser ging, habe ich mich abgemeldet. Bei Wenger Fenster habe ich zuerst in der Malerei gearbeitet. Ich habe die Fensterflügel geschliffen, damit sie anschliessend bemalt werden können. Dann habe ich in die Schreinerei gewechselt, habe Holzflügel vorbereitet: Bänder einkleben, Nummern einschlagen, Ecken verputzen. Aber dort war es mir zu laut. Heute setzt Herr Linder mich überall ein, auch in der Glaserei. Ich mag es, wenn ich konzentriert und selbständig arbeiten kann.

Arbeitgeber Alain Linder mit Arbeitnehmer Herr R.

Eine Krankheit oder ein Unfall ist für uns kein Grund, ein Arbeitsverhältnis aufzulösen. Wenn es Herrn R. gut geht, stimmt sein Arbeitseinsatz auf der ganzen Linie. Meine Aufgabe ist es, ihn richtig einzusetzen.

Arbeitgeber Alain Linder mit Arbeitnehmer Herr R.

Wenn man von den Versicherern einen persönlichen Ansprechpartner und unkomplizierte Unterstützung erhält, gelingt es, einen Arbeitsplatz zu erhalten – auch wenn es, zugegeben, für Frau Wenger administrativ etwas mehr Aufwand bedeutet. Wir sind froh, dass wir Herrn R. bei uns behalten konnten. Er kommt heute jeden Morgen zwischen sieben und halb acht Uhr ins Geschäft und wird bis am Mittag in verschiedenen Abteilungen eingesetzt. Er arbeitet sehr selbständig. Unsere Abmachung ist, dass er sich per sms oder telefonisch bei mir meldet, wenn etwas ist. Momentan klappt es sehr gut, muss ich sagen.

Arbeitgeber Alain Linder mit Arbeitnehmer Herr R. und Arbeitskollege

Als einmal Schwierigkeiten mit zwei, drei Arbeitskollegen von Herrn R. aufgetaucht sind, haben Frau Wenger und ich mit allen zusammen ein Gespräch geführt. Jeder hat gesagt, was ihn stört. Da hat Herr R. auch erklärt, dass er manchmal selbst unter seinen Stimmungsschwankungen leide, deshalb nehme er auch regelmässig seine Medikamente ein. Dieses Gespräch war gut. Danach haben wir Herrn R. bevorzugt dort eingesetzt, wo er selbständig arbeiten kann. Das gefällt ihm jetzt auch. Insgesamt hat sich das alles gut entwickelt: Er hat sich ins Team integriert, isst mit den Kollegen Znüni und macht mit ihnen auch mal in der Freizeit zum Fischen ab.

Arbeitgeber Alain Linder

Ich kann mir vorstellen, dass andere Arbeitgeber vielleicht denken, sie können nur Leute mit abgeschlossener Lehre und einem 100% Arbeitspensum brauchen. Oder sie haben das Gefühl, beeinträchtigte Personen können weniger gut arbeiten. Es ist aber nicht so. Sie leisten etwas weniger, bekommen aber auch entsprechend etwas weniger Lohn. In Kleinbetrieben, wo jeder vielfältig einsetzbar sein muss, ist es bestimmt schwieriger. Aber in Betrieben ab 20 Personen ist es sicher gut möglich, jemanden wie Herrn R. anzustellen. Entscheidend ist, dass beeinträchtigte Mitarbeitende eine Ansprechperson im Betrieb haben. Man darf sie nicht links liegen lassen und denken, der kann das schon selber. Sie brauchen in der Tat etwas mehr Aufmerksamkeit. Dafür hat der Betrieb in ihnen aber auch sehr dankbare und besonders motivierte Mitarbeiter. // Mai 2010
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