Compasso

Emilienheim

Arbeitgeberin Heidi Jucker

Im letzten Herbst haben wir die frei werdende Stelle in unserer Küche über die Regionale Arbeitsvermittlung RAV ausgeschrieben. Wir haben über 150 Bewerbungen erhalten. Wir hatten bereits eine erste Auswahl getroffen, da hat uns Frau Elsner, Job Coach bei der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, telefoniert. Sie habe eine Kandidatin, die ganz gut zu unserer Stelle passen könnte. Ich war neugierig und habe deshalb zugesagt, dass Frau S. ihr Dossier noch einreichen könne. Das Küchenteam hat auswählen können, welche Kandidaten zum Vorstellungsgespräch und Probearbeiten eingeladen werden. Die Wahl ist auf Frau S. gefallen.

Arbeitgeberin Heidi Jucker mit Arbeitnehmerin Frau S.

Frau S. hat bei ihrem zweitägigen Probeeinsatz vor allem durch ihre Offenheit überzeugt, das Team hat sich für sie entschieden. Nun ist sie seit Oktober 2011 in einem 60%-Pensum bei uns als Küchenmitarbeiterin fest angestellt. Ich habe mir gesagt, dass ich ihr die gleiche Chance geben will wie einer anderen Person. Dem Team habe ich nichts von der depressiven Erkrankung von Frau S. gesagt. Das kann sie selbst, wenn sie möchte. Wichtig ist mir, dass sie weiss, sie kann um Hilfe bitten, wenn sie unsicher ist. Ich hatte keine Bedenken, sie fest anzustellen. Denn wir haben gute Erfahrungen gemacht mit einer beeinträchtigten Person, die bei uns seit acht Jahren im Hausdienst arbeitet. Am meisten erleichtert hat mich die Sicherheit, Frau Elsner als Job Coach im Rücken zu wissen. Sie ist einmal vorbei gekommen und hat sich ein Bild von unserem Betrieb gemacht. Danach hat sie sich von Zeit zu Zeit telefonisch bei mir erkundigt. Das Angebot, dass sie bei Schwierigkeiten vermitteln kann, haben wir nie in Anspruch nehmen müssen.

Arbeitnehmerin Frau S.

Ursprünglich habe ich Pharmaassistentin gelernt. Nach der Heirat und mit vier Kindern habe ich 30 Jahre auf dem Landwirtschaftsbetrieb meines Mannes gearbeitet. Ich habe dort das Hof-Lädeli aufgebaut und betrieben und ab und zu für Gäste gekocht. Als ich mich von meinem Mann getrennt habe, musste ich mich total neu orientieren. Am Anfang habe ich etwas Angst gehabt vor der neuen Stelle. „Schaffe ich das? Auch, wenn ich einmal alleine kochen muss?“ Gleichzeitig spürte ich eine riesige Freude. Ich kann meinem Chef über die Schultern schauen und ihn fragen, wie er etwas macht. Er ist verständnisvoll und hat viele Ideen. So ist bei mir die Lust zu Kochen wieder gekommen. Ich fühle mich manchmal noch unsicher – das bespreche ich dann mit meinem Therapeuten. Die Arbeit hilft mir, wieder Neues zu lernen. Das habe ich lange nicht geschafft. Ich war dreimal in der Klinik wegen meiner Depression. Erst, als ich ausgezogen bin, war es für mich klar, dass ich wieder arbeiten möchte.

Vorgesetzter Michel Bürge mit Arbeitnehmerin Frau S.

Frau S. steht mir bei den verschiedenen Aufgaben, die in einer Heim-Küche mit Tagesproduktionsbetrieb anstehen, zur Seite. Den Abwasch verantwortet sie selbst. Heute bereiten wir zusammen das Mittagessen vor und besprechen den Abend. Das Abendessen macht sie dann alleine. So hat sie mehr Selbständigkeit und Eigenverantwortung. Als sie mir erzählt hat, wie sie früher das Hof-Lädeli geführt hat, habe mir gedacht, sie schafft es hier auch allein, wenn ich einmal frei machen will. Die zwei anderen Köche können nicht so gut einspringen, denn sie sind weniger flexibel, weil sie noch an einem anderen Ort arbeiten.

Arbeitgeberin Heidi Jucker mit Arbeitnehmerin Frau S.

Frau S. war von Beginn weg mit Leib und Seele bei der Arbeit. Ihr Job Coach hat Recht gehabt: Sie passt gut zu uns und wird im ganzen Haus geschätzt. Nachdem das Mittagessen serviert ist, setzt sie sich manchmal zu den Heim-Bewohnern, fragt, wie das Essen war und plaudert mit ihnen. Ihre Unsicherheit verschwindet immer mehr. –– Zuerst habe ich selber eine Arbeitsstelle gesucht. Was, wusste ich nicht genau. Die vielen Absagen am Anfang waren frustrierend. Im Nachhinein glaube ich, dass es noch zu früh war: Ich hätte der Belastung noch nicht Stand gehalten. Die Vermittlung zum Job Coach lief über die Klinik. Ich habe Frau Elsner einmal pro Woche besucht. So hat sie mich gut kennengelernt. Sie hat mich bei der Stellensuche unterstützt: Stelleninserate ausgedruckt, mit mir das Bewerbungsdossier zusammengestellt, das Vorstellungsgespräch geübt. Zusammen haben wir es geschafft.

Arbeitnehmerin Frau S.

Als ich 2005 das zweite Mal wegen Depression für einige Monate in die Klinik eingetreten bin, hat die Krankenkasse keine Taggelder mehr bezahlt. Deshalb musste ich mich bei der IV anmelden. Seither hatte ich eine ¾-Rente. Als ich die Stelle hier bekommen habe, ist die Rente gestrichen worden, da ich wieder ein entsprechendes Einkommen habe. Ich bin froh, es ohne die IV zu schaffen. Mit Frau Elsner bin ich immer noch in Kontakt. Sie hat mir die Sicherheit gegeben, dass ich fähig bin, etwas zu arbeiten. Ich war einfach komplett verunsichert. Sie hat mir Rückhalt gegeben und das Gefühl, dass ich nicht alleine bin und dass sie, wenn Not am Mann ist, vermitteln kann.

Vorgesetzter Michel Bürge mit Arbeitnehmerin Frau S.

Frau S. ist sehr motiviert bei der Arbeit. Weil sie lernen will und nicht die Einstellung hat, dass sie schon alles kann, ist es angenehm in der Zusammenarbeit. Ich kann ihr sagen, wenn mal etwas nicht gut gelaufen ist. Sie möchte sich verbessern. Es braucht Vertrauen zueinander und von mir braucht es etwas mehr Geduld. Aber ich bin überzeugt, dass sich das auszahlt. Man muss sich einen Schupf geben und einer solchen Person eine Chance geben. –– Herr Bürge zeigt mir schrittweise immer wieder etwas Neues. Das gibt mir das Gefühl, dass ich wieder auf den Boden komme. Ich finde meinen Weg immer mehr. Es kann jeden treffen, wichtig ist, dass man eine Chance bekommt. Denn Arbeit ist wichtig. So hat man auch als Mensch mit psychischer Erkrankung das Gefühl, wieder zur Gesellschaft zu gehören. // März 2012
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