Compasso

Felco SA

Arbeitgeber Herr Araque

Ich habe eine Anfrage vom Leiter der Werkstatt „Alfaset“ bekommen, ob Frau A. in die Produktion von Felco integriert werden könnte. Felco betreibt seit 2006 die betriebseigene geschützte Werkstatt Alfaset für Menschen mit Beeinträchtigung. Die IV vermittelte Frau A. 2010 wegen ihrer Hyperaktivität und Konzentrationsprobleme einen Platz in dieser Werkstatt. Doch der damalige Atelierleiter hat gesehen, wie motiviert Frau A. ist und zum Telefonhörer gegriffen. Felco AG ist ein Familienbetrieb, in dem die Integration von Menschen mit Behinderung Tradition hat. Schon der Gründer, Felix Flisch, sah es als soziale Verantwortung einer Firma, Menschen, die nicht voll leistungsfähig sind, zu beschäftigen. Als ich hier angefangen habe, arbeiteten schon zwei blinde Personen in der Produktion. Die Anstellung von Frau A. war deshalb naheliegend.

HR-Verantwortliche Frau Jacot mit Arbeitnehmerin Frau A.

Wir waren von Anfang an offen für Eingliederungen, weil das in unserer Firma einfach Tradition hat. Darum sind wir auf den Vorschlag vom Atelierleiter eingegangen, dass Frau A. bei uns eine Lehre macht. Um zu schauen, ob es funktioniert, hat Frau A. zuerst ein dreimonatiges Praktikum in der Verpackung gemacht. Dabei wurde sie eng von Herrn Droxler von Ceras betreut. Ceras begleitet im Auftrag der IV Jugendliche mit Schwierigkeiten bei ihrer Ausbildung. Wir - d.h. Herr Droxler, die beiden Vorgesetzten von Frau A. und ich - haben uns regelmässig zu Gesprächen getroffen. Da das Praktikum gut geklappt hat, haben wir den definitiven Schritt gewagt und Frau A. als Lernende zur Logistikangestellten eingestellt.

Arbeitnehmerin Frau A.

Im Atelier „Alfaset“ hat es mir zwar gefallen, aber ich habe mich gefreut, als der Atelierleiter mir den Vorschlag machte, eine richtige Lehre zu machen. Ich hatte ein Gespräch mit Herrn Droxler von Ceras, meinen Eltern und Lehrern. Ich musste einige Tests machen und habe dann sofort bei Felco angefangen, zuerst das Praktikum, dann die Lehre. Neben der Arbeit im Betrieb hatte ich eineinhalb Tage pro Woche Schule. Dort habe ich Allgemeinbildung aber auch spezifisches Wissen über die Firma gelernt. Meine Hyperaktivität wurde zu Beginn der Primarschulzeit festgestellt. Ich bin eine sogenannte „ruhige“ Hyperaktive, das heisst ich bin sehr still und habe Mühe mich anderen zu öffnen. Dazu habe ich eine Lese-Rechtschreibschwäche. Alle dachten immer, dass ich die Schule nicht schaffen werde. Darum war ich dann auch bei der IV angemeldet. Aber ich wollte das unbedingt und jetzt habe ich sogar meine Lehre erfolgreich abgeschlossen. Heute merke ich fast nichts mehr von der Hyperaktivität. Nur wenn ich eine neue Aufgabe bekomme, brauche ich etwas Zeit, um mich daran zu gewöhnen.

Vorgesetzte Frau Miranda mit Arbeitnehmerin Frau A.

Als Frau A. zu uns kam, war sie sehr ängstlich und verschlossen. Sie sprach fast nicht. Nach und nach hat sie sich geöffnet. Es ist extrem erfüllend jemanden so wachsen zu sehen. Ich bin stolz darauf, etwas dazu beigetragen zu haben. Heute ist Frau A. wie eine normale Mitarbeiterin und wird auch so behandelt, was die Rechte, aber auch die Pflichten betrifft. Frau A. kann alle Aufgaben so gut erledigen wie andere auch, sie braucht einfach etwas mehr Zeit dafür. Darum wird sie eher bei Aufgaben eingesetzt, wo es nicht so schnell gehen muss. Im Vergleich zu anderen Mitarbeitenden braucht es mehr Geduld und am Anfang etwas mehr Kontrolle, ob sie alles richtig gemacht hat. Am Schluss stimmt die Qualität aber. Sie ist sehr gewissenhaft und hat ein Auge fürs Detail, wir nennen sie deshalb auch „Adlerauge“.

Arbeitnehmerin Frau A.

Ich arbeite hauptsächlich in der Verpackung. Ich kontrolliere und verpacke die Gartenscheren und andere Werkzeuge. Manchmal hole ich per Computer Werkzeugstücke aus dem Lager. Oder ich arbeite an einer Maschine für die Prägung von Werkzeugstücken mit dem Laser. Am Schluss vom Nachmittag bin ich für die Lagerhaltung verantwortlich, d.h. ich prüfe ob noch genügend Material vorhanden ist oder vom Lager geholt werden muss. Dann fülle ich den internen Bestellbogen aus und bringe ihn der Lagerverantwortlichen. Ich arbeite Vollzeit. Dass ich die Lehre geschafft habe und jetzt einen Arbeitsplatz habe, bedeutet für mich eine Erleichterung. Es hat niemand daran geglaubt, dass ich es schaffe. Herrn Droxler und Frau Miranda waren mir eine grosse Hilfe dabei.

Arbeitnehmerin Frau A. mit Kollegin

Ich arbeite sehr gerne mit meiner Kollegin von der Verpackung zusammen. Alle haben mich hier freundlich empfangen. Nur einmal gab es Probleme, ein Kollege hat mich öfters geärgert. Ich habe dann mit meiner Chefin, Frau Miranda gesprochen und wir konnten die Situation mit ihm klären. Heute frage ich meine Kollegen, wenn ich Hilfe brauche, z.B. wenn etwas zu schwer ist zum Tragen. Ich versuche aber alleine zurecht zu kommen. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass ich noch selbstständiger werde und von zu Hause ausziehen kann.

Arbeitgeber Herr Araque mit Arbeitnehmerin Frau A.

Es ist während der Lehre einmal vorgekommen, dass Frau A. ihre Medikamente nicht genommen hat. Da war sie geistig abwesend und konnte ihre Aufgaben nicht erfüllen. Mit der Unterstützung von Herrn Droxler konnten wir die Situation klären. Seither achtet Frau A. sehr darauf, ihre Medikamente nicht zu vergessen. Seit Januar 2012 ist Frau A. fix bei uns angestellt. Wir bezahlen ihr einen normalen Lohn. Sie ist nicht mehr an die IV gebunden. Sie ist eine sehr aufmerksame und konzentrierte Mitarbeiterin, man kann ihr vertrauen. Sie macht oft sogar die letzte Kontrolle bevor das Produkt zum Kunden geht. Das ist sicher auch der exzellenten Begleitung durch Ceras zu verdanken. Sie haben auch viel an ihrem Verhalten gearbeitet. Sie ist eine selbstbewusste junge Dame geworden.

Arbeitgeber Herr Araque

Der wirtschaftliche Druck und die Industrialisierung steigen an; viele Aufgaben werden von Maschinen übernommen. Darum ist es nicht immer einfach, noch Menschen mit einer Beeinträchtigung zu beschäftigen. Ein Unternehmen, das gut läuft sollte jedoch etwas investieren können. Es hat eine gesellschaftliche Verantwortung. Schlussendlich sind alle Beteiligten Gewinner. Es ist erstens eine persönliche Bereicherung und zweitens wirkt es sich auch auf das Image des Unternehmens positiv aus. Man interessiert sich für uns. Es ist jedoch sehr wichtig, dass die Direktion voll dahinter steht. Wir sind gerade wieder daran, noch eine Person zu integrieren und würden es immer wieder tun. // Juni 2012
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