Compasso

SBB

Arbeitgeber Herr Danuser

Herr S. arbeitet seit Oktober 1999 im Fahrleitungsteam Sargans. Er war Transportführer und Chefmonteur, das entspricht einem Polier in der Privatwirtschaft. Er arbeitete also immer draussen auf den Baustellen. Der Unfall passierte im August 2007. Das ist eingebrannt bei mir, dieses Telefon vergisst man nicht mehr. Herr S. war mit einem Kollegen unterwegs. “Unfall, Unfall!“, hiess es, „N. S. ist in den Strom gekommen!“. Ich habe sofort die 144 gewählt, bin ins Auto gesessen und losgefahren an die Unfallstelle. Herr S. wurde gerade verladen, lag auf der Bahre. Er sah nicht gut aus. Die Ärzte meinten, es wird sehr kritisch. Am 4. Tag kam die Meldung, dass sie ihm das Bein abnehmen müssen - er schwebte immer noch in Lebensgefahr. Nach vier Wochen kam dann das Telefon, er ist über dem Berg.

Arbeitnehmer Herr S.

Ich kam mit dem Heli in die Uniklinik Zürich, in eine Spezialabteilung für Verbrennungen. 60 Prozent meiner Hautoberfläche waren verbrannt. Dort war ich drei Monate. Frau Kunz von der Suva hat in dieser Zeit mit meinem Bruder Kontakt aufgenommen, da ich „noch nicht so ganz da“ war. Sie haben auch die IV eingeschaltet, weil sie nicht wussten, wie es mit mir weitergeht. Mitte November kam ich in die Rehaklinik nach Bellikon. Dort habe ich Frau Kunz persönlich kennen gelernt. Sie hat alles Mögliche organisiert, zum Beispiel, dass sich die Spitex um mich kümmert zu Hause. Mit der IV hatte ich dann Kontakt als ich zu Hause war, so Anfang Februar. Der Berufsberater hat mir zu einer Umschulung geraten, weil noch nicht klar war, ob ich zurück kann an meinen Arbeitsplatz.

Arbeitnehmer Herr S. und Arbeitgeber Herr Danuser

„Im März kam das Telefon von Frau Kunz von der Suva: „Herr Danuser, Herr S. braucht eine Beschäftigung, einen festen Tagesablauf. Könnte man da nicht was machen?“. Ich sagte gerne zu. Für mich war immer klar, er war ein guter Mitarbeiter, für den muss man eine Möglichkeit finden. Sieben Monate nach dem Unfall kam er das erste Mal wieder ins Büro. Das ist nochmal ein Bild, das mir bleiben wird, wie er an dem Morgen auf mich zu humpelte mit seiner Prothese. Da fiel mir ein Stein vom Herzen. Er arbeitete zuerst nur von 9 bis 12 Uhr, noch ohne Leistungsdruck. Er hat bei Null angefangen und es ist stetig bergauf gegangen. Nach gut drei Monaten stieg die Leistung merklich an, vorher hat die Suva ein volles Taggeld bezahlt.“ „Dass Herr Danuser mir angeboten hat, ins Büro zu kommen, sobald ich es körperlich schaffe, war sehr schön für mich. Ich hatte wieder etwas zu tun und das Gefühl, gebraucht zu werden.“

Betrieblicher Case Manager Herr Limacher mit Arbeitgeber Herr Danuser und Herrn S.

Bei schweren Unfällen oder Krankheiten kommt bei der SBB das interne Case Management zum Zug. Ich hatte als Case Manager die Aufgabe, mit allen Beteiligen eine Lösung für Herrn S. zu finden. Als klar wurde, dass er nicht zurück kann in seine alte Tätigkeit, haben wir die IV eingeschaltet. Zusammen mit dem Berufsberater der IV haben wir die Idee für die Umschulung zum Technischen Assistenten gehabt. Da die Büroarbeit, die Computerbedienung und die „Schulbank wieder zu drücken“ eine neue Herausforderung für Herrn S. war, fanden wir, ein Computerkurs wäre als Vorbereitung sinnvoll. Die Kosten wurden von der IV anstandslos übernommen. Zudem wurde Herr S.‘ Arbeitsplatz durch einen Ergonomie-Spezialisten der Suva auf seine Bedürfnisse angepasst. Es wurde auch festgehalten, dass die SBB versucht, Herrn S. nach der Umschulung weiter zu beschäftigen, aber es war noch keine fixe Zusage.

Herr S., betrieblicher Case Manager Herr Limacher

Im Frühling 2009 fing Herr S. die zweieinhalbjährige Umschulung zum Technischen Kaufmann an. Er hatte 50% Ausbildung und arbeitete 50% bei uns. Die IV bezahlte die Umschulung und den Lohnausfall. Aber um ihn wieder einstellen zu können, brauchten wir mehr als nur die Aussage seines Vorgesetzten, dass Herr S. gut ist. Eine Zweitmeinung war nötig. Darum machte Herr S. neben der Umschulung ungefähr ein Jahr ein „Stage“ im Team der technischen Assistenten, das nicht direkt Herrn Danuser unterstellt ist. Der dortige Teamleiter war sehr zufrieden mit ihm. Noch während der Umschulung war klar, dass wir Herrn S. sicher einen Job anbieten - unabhängig davon, ob er die Prüfung schafft.

Arbeitnehmer Herr S.

Heute arbeite ich 70% und bekomme 30% Suva-Rente. Ich plane Projekte und Neubauten, bestelle Material, kontrolliere das Budget. Es ist sehr anspruchsvoll, aber ich mache es gerne. Die Aufgaben sind sehr abwechslungsreich. Manchmal denke ich schon noch zurück an die schönen Zeiten, die wir vorher hatten, in der Gruppe, draussen, in der Nacht. Ich denke, es ist ein grosses Plus, dass ich weiss, wie es abläuft draussen. Das vereinfacht mir die Arbeit heute. Der Arbeitsplatz bedeutet mir sehr viel, es war für mich eine Chance mich sogar noch zu steigern im Berufsleben. Manchmal denke ich, vielleicht musste es so sein. Es haben sich neue Türen geöffnet. Ohne die Unterstützung von Herrn Danuser wäre es aber nicht gegangen, glaube ich.

Arbeitgeber Herr Danuser

Für mich ist das Ganze mehr als gut rausgekommen, ich habe eine Riesenfreude. Herr S. war dankbar, dass man ihn weiterbeschäftigte und hat das mit einer guten Leistung honoriert. Ein grosser Vorteil ist auch die Auswirkung auf das Image der Firma. Man zeigt nach innen und nach aussen, dass man ein guter, loyaler Arbeitgeber ist. Auch das Team hat gesehen: Du wirst nicht fallen gelassen, wenn du gesundheitshalber ausfällst. Voraussetzung ist, der Betroffene will auch. Da war Herr S. sicher auch ein Vorbild.

Betrieblicher Case Manager Herr Limacher

Wichtig war das gegenseitige Vertrauen zwischen allen Akteuren. Es ist wie ein Pingpongspiel: das Vorschussvertrauen, das man gibt, bekommt man zurück und umgekehrt. Was ich auch sehr geschätzt habe, ist das pragmatische Handeln der Suva und der IV. Sie haben sich nicht hinter irgendwelchen Prozessen versteckt, sondern wirklich angepackt. // Juli 2012
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