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Supronto Back AG

Supronto Back AG

Arbeitgeber Willi Suter: Wir sind eine traditionelle gewerbliche Bäckerei. Wir haben vor 25 Jahren als kleiner Familienbetrieb angefangen, meine Frau und ich mit einem Lehrling. Heute haben wir 120 Mitarbeiter und vertreiben Backwaren in der ganzen Schweiz. Ich kenne Herrn S. schon lange, er war bei mir in der Gewerbeschule, hat dann aber nach der Lehre anderswo gearbeitet. Sein vorheriger Arbeitgeber in Willisau hat mich im 2001 angerufen ob ich ihn übernehmen kann, weil er seinen Betrieb zumacht. Ich wusste noch von der Gewerbeschule, dass Herr S. psychisch nicht so stabil ist. Aber es ging einige Jahre sehr gut und er war ganz normal bei uns angestellt. Ich habe aber gemerkt, dass Veränderungen ihn immer extrem belasten. Ein Beispiel: Sein Skiclub, der ihm alles bedeutet, hat einen Ausflug organisiert, wo sie statt Ski, Wasserski fahren gingen. Das hat ihn so durcheinander gebracht, dass er eine Woche nicht arbeiten konnte. Da merkte ich, da stimmt etwas nicht.

Mitarbeiter Supronto Back AG mit Herrn S.

Arbeitgeber Willi Suter: Also habe ich seinen Arzt angerufen. Er hat mir erklärt, dass Herr S. psychische Probleme hat. Zu den Symptomen gehören geringe Stressresistenz, Müdigkeit, unflexibles Denken. Er zieht sich oft zurück und verträgt keine Veränderungen. Sein Arzt hat die Medikamente heraufgesetzt und dann ging es drei, vier Jahre eigentlich gut mit einigem Auf und Ab. Ende 2011 gab es aber eine Phase, wo Herr S. häufig fehlte. Da hab ich gedacht, jetzt müssen wir etwas verändern. Ich sah nur die Möglichkeit, sein Arbeitsvolumen herunterzuschrauben, damit er nicht so viel Druck hat. Das ging dann aber natürlich finanziell nicht mehr auf, vor allem weil die Taggeldversicherung irgendwann nicht mehr zahlte.

IV-Case Manager Brigitte Epp und Herr S.

IV-Case Manager Brigitte Epp: Herr S.’ Hausarzt hat ihn im Februar 2012 bei der IV zur Früherfassung angemeldet. Es war relativ spät, er war zu diesem Zeitpunkt schon über ein Jahr teilarbeitsunfähig geschrieben. In den Gesprächen mit Herrn S. wurde deutlich, dass er weiterhin bei Supronto arbeiten möchte. Er ist gerne Bäcker und fühlt sich wohl im Betrieb. Ein Jobwechsel stand auch nicht zur Diskussion, weil er wegen seiner Krankheit so Mühe mit Veränderungen hat. Ich habe den Arbeitsplatz von Herrn S. genau angeschaut, konnte aber keine Verbesserungsvorschläge anbringen, er war schon ideal eingerichtet. Er hat seinen Arbeitsplatz alleine, weil er sonst zu abgelenkt wäre. Aber sein Platz ist mitten im Betrieb, alle kommen an ihm vorbei, reden mit ihm, er ist also nicht isoliert. Die IV hat daraufhin, gestützt auf die medizinische Beurteilung und entsprechend der Möglichkeiten des Gesetzes, eine Teilrente gesprochen. Dank allen Beteiligten konnte eine sehr soziale und wirtschaftlich tragbare Lösung gefunden werden.

Herr S. mit Kollegin

Arbeitgeber Willi Suter: Herr S. bekommt jetzt eine halbe IV-Rente und 50% Leistungslohn. Er ist also 100% anwesend, muss aber nur 50% Leistung bringen. So stimmt es für alle. Ich habe den Kostendruck nicht mehr, er kann seine Arbeitsstelle behalten und bleibt eingebettet. Wenn es ihm schlecht geht, kann er nach Hause gehen und wenn er mal etwas mehr Zeit braucht, ist es auch nicht schlimm. Diese Freiheit hat ihm sehr geholfen. Das heisst natürlich auch, dass das ganze Team – es sind ca. 10 Personen – das mittragen müssen und alle sich gegenseitig unterstützen. Diese Betriebskultur ist uns wichtig. Zudem bedingt es, dass der Teamleiter ein besonderes Gespür für Soziales hat. Bedingung ist auch, dass Herr S. sich aktiv Hilfe holt, wenn etwas nicht geht und das macht er auch.

Vorgesetzter von Herrn S. und Herr S.

Arbeitnehmer Herr S.: Ich arbeite in der Nachtbäckerei, also von halb zwei Uhr morgens bis um 11 Uhr. Ich bin zuständig für alle möglichen Backwaren. Z.B. bestreiche ich die vorbereiteten Nussstängel und backe sie. Manchmal mache ich auch Hamburgerbrötchen oder Hefeschnecken und im Moment grad Grittibänz. Am Schwierigsten für mich ist, wenn alles gleichzeitig kommt, das stresst mich. Arbeitgeber Willi Suter: Bei Herr S. spüre ich die Leidenschaft. Er macht z.B. die schönsten Hefeschnecken in der ganzen Bäckerei! Wenn ich ihn dann lobe „Herr S., das sind Schnecken fürs Fernsehstudio“, freut er sich sehr und gibt alles. Er fragt dann auch immer: “Wann haben wir wieder Schneckenaktion?“. Mit wenigen Worten eine positive Energie aus ihm rausholen zu können, das ist schön.

Herr S. mit Kollege

Arbeitgeber Willi Suter: Am meisten Angst hatte ich, dass Herr S. häufig fehlen würde. Wenn er die Hälfte der Zeit nicht zur Arbeit gekommen wäre, hätte ich die Übung abgebrochen. Wenn die Leute nicht kommen, fällt alles zusammen, das ist für unseren Betrieb das Schlimmste. Bei Herrn S. weiss ich: wenn er nicht kommt, dann ist wirklich etwas Schlimmes. Dank der Medikamente ist das aber selten. Und jetzt wo er „50%“ arbeitet und das Stresspensum reduziert ist, hat er nie mehr gefehlt. Das war sicher der richtige Ansatz. Es ist natürlich eine Herausforderung, in einem solch unruhigen Arbeitsumfeld einen Arbeitsplatz ohne Stress zu schaffen. Wir sind in einer „nervösen“ Branche und von den Mitarbeitern wird viel Flexibilität erwartet, auch wegen dem dreischichtigen Betrieb. Einer wie er Herr S., der Sicherheit und Stabilität braucht, hat es eigentlich schwer in so einem Betrieb.

Herr S. mit Kollege

Arbeitgeber Willi Suter: Ich bin kein Samariter! Ich überlege mir schon, kann die Person etwas? Wir haben einen Autisten, der mit dem Pinsel die allerfeinsten Muster auf eine Torte malt, das kann kein anderer wie er! Aber ich bin dann auch Egoist genug zu bremsen, wenn es grundsätzlich jeder betriebswirtschaftlichen Überlegung widerstrebt. Ich hatte auch Beispiele, wo es nicht funktionierte. Da muss man dann auch den Mut haben, einen Schlussstrich zu ziehen. Es hat nicht jeder Mensch gleich viel Glück. Wir helfen halt denen, die weniger Glück haben. Statt Geld zu spenden oder so etwas, mache ich meinen Beitrag auf diesen Weg. Und wenn es funktioniert, gibt es mir ein gutes Gefühl. Es verändert das Denken, man wird offener, verständnisvoller, man relativiert die eigenen Probleme.

Herr S. mit Kollegin

Arbeitgeber Willi Suter: Jeder Betrieb könnte jemandem helfen, wenn er will. Es braucht einen Denkansatz von dem, der Verantwortung trägt. Man muss wollen und es muss einem ein gutes Gefühl geben. Wenn es einen nur belastet, funktioniert es nicht. IV-Case Manager B. Epp: Dadurch, dass Herr S. einen rauen Umgang untereinander nicht verträgt, müssen die Teamkollegen anständig miteinander umgehen, wenn Herr S. da ist. Das kann man auch als Chance ansehen für die Betriebskultur. Arbeitgeber Willi Suter: Ich habe miterlebt, dass die Firmenkultur matchentscheidend ist für die Ziele, die man zusammen erreichen will. Es braucht zwar viel Kraft, Zeit und Geld eine positive Kultur aufzubauen, aber es lohnt sich. Ich glaube daran, dass etwas zurückkommt. Wir haben z.B. immer wieder gute Lehrlinge, die sich bei uns melden. // November 2012
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