Compasso

Holcim (Schweiz) AG

Arbeitgeber Cornelia Eberle, HR Business Partner mit Franz Schnyder, damaliger Leiter Interne Dienste

In einer Geschäftsleitungssitzung hat unser Management beschlossen, dass mehr Mitarbeitende mit einer Behinderung angestellt werden sollen. Die Spartenleiter haben den Auftrag erhalten, sich zu überlegen, wo man Personen mit einer Beeinträchtigung einsetzen könnte. Am Hauptsitz in Zürich haben wir im Bereich Interne Dienste die Möglichkeit in der Postverteilung gesehen. Wir haben die Idee zusammen besprochen und die Umsetzung mit einem „Postwagen“ haben wir beide super gefunden.

Arbeitgeber Cornelia Eberle, HR Business Partner mit Franz Schnyder, damaliger Leiter Interne Dienste

Wir sind dann vor der Herausforderung gestanden: „Wo sucht man eine geeignete Person mit Beeinträchtigung?“ In meinem HR-Kollegenkreis hat diesbezüglich niemand bereits Erfahrungen gemacht. Man kann ja nicht einfach ausschreiben, man suche jemanden mit einer Beeinträchtigung. In meiner Recherche bin ich auf den Event „Pfalzkeller“ in St. Gallen gestossen, wo Arbeitgeber positive Erfahrungen mit beeinträchtigten Mitarbeitern vorstellen. Den Event habe ich im März besucht und bin am anschliessenden Marktplatz auf die Stiftung Profil zugegangen. Beatrice Brülhart von „Profil“ Zürich hat mich wenige Tage später kontaktiert. Bei einem Gespräch haben wir ihr unsere Idee vorgestellt. Wir haben nicht genau gewusst, wie viel Zeit für die vorgesehenen Arbeiten benötigt würde, sind aber davon ausgegangen, dass eine 50%-Stelle – halbtags morgens – ausreichen sollte.

Cornelia Eberle, HR Business Partner

Beatrice Brühlhart hat uns ihr Vermittlungsangebot vorgestellt, bei dem wir ohne Risiko für eine Testphase eine Person über „Profil“ einstellen können. Falls es nicht gut geht, kann „Profil“ sie wieder aus unserer Firma zurücknehmen. Auch das Job Coaching hat mich überzeugt. Ein Vorgesetzter und das HR können Vieles abfedern aber nicht alles. Bei einem zweiten Besuch hat Beatrice Brühlhart Dossiers von möglichen Kandidatinnen undKandidaten mitgenommen. Wir haben uns dafür entschieden, zwei Personen näher kennenzulernen. Sie hat dann alles für die Vorstellungsgespräche eingefädelt, die wir im Mai und Juni geführt haben. Beatrice Brühlhart hat es übernommen, der zweiten Person nach dem Entscheid feinfühlig abzusagen.

Arbeitnehmerin Frau S.

Am Abend vom 22. Juli 2001 bin ich in Winterthur mit dem Fahrrad stadtauswärts gefahren. An einer Kreuzung habe ich einem Auto, das von der Autobahn gekommen ist, den Vortritt verweigert – und mit einem schweren Schädel-Hirntrauma knapp überlebt. Ich bin drei Wochen im Koma gelegen und habe später fünf Monate in der Rehaklinik in Zihlschlacht verbracht, wo ich von null auf alles wieder neu lernen musste. Vor dem Unfall habe ich im Gastgewerbe gearbeitet und wäre kurze Zeit später stellvertretende Geschäftsleiterin geworden. Zurück in Winterthur habe ich aber gemerkt, dass ich nicht mehr alleine haushalten kann und bin in ein Behindertenwohnheim gezogen. Ab dem dritten Jahr habe ich dort 20 % am Empfang – einem geschützten Arbeitsplatz – gearbeitet. Es hat mir gefallen, doch ich habe gespürt: „Irgendwann möchte ich wieder mein eigenes Geld verdienen, nicht nur von der IV-Rente leben. Irgendwann muss ich noch eine Ausbildung machen.“ Deshalb habe ich die Handelsschule gemacht. Aber ohne Erfahrung und mit Handicap ist es schwierig, eine Stelle zu finden. Dann habe ich von „Profil“ erfahren.

Arbeitnehmerin Frau S.

Zuerst habe ich in einer Firma im Bereich Personaladministration und Auftragsmanagement ein Praktikum machen können. Dabei habe ich gemerkt, dass ich mir nicht alles merken kann und, dass ich Mühe habe, genau zu arbeiten und schnell müde werde. Mit regelmässigen Pausen habe ich die Arbeit in den Griff bekommen. Doch es hat sich herauskristallisiert, dass ich Schulterprobleme bekomme, wenn ich länger – einhändig – am PC arbeiten muss. Dann hat Frau Brühlhart mir von der Postdienst-Stelle bei Holcim erzählt. Schon beim Vorstellungsgespräch habe ich gemerkt: „Hier ist es mir wohl.“ Die Arbeit ist für mich ein Stück Selbständigkeit, die ich mir erarbeitet habe. Ich mache wieder etwas, das ich gut und auch gerne mache. Es ist kein anspruchsvoller Job. Aber das ist egal. Wie es mit der IV-Rente weitergeht, wenn ich jetzt 50% arbeite, weiss ich noch nicht. Momentan bekomme ich 50% Lohn, eine ¾ IV-Rente und eine Unfallrente.

Arbeitnehmerin Frau S.

Am Morgen mache ich zwei Postgänge. Die erste Post kommt um 7.10 Uhr. Diese räume ich in die entsprechenden Fächer in meinen Wagen ein und verteile sie. Gleichzeitig schaue ich in den Teeküchen für Ordnung und räume Getränke ein. Um 9.30 Uhr kommt die zweite Postladung. Dass die Post von mir verteilt wird, finden alle super. Wenn ich mal weg bin, vergessen manche Abteilungen, ihre Post abzuholen. Es ist auch schon vorgekommen, dass nach einer Woche Abwesenheit von einer Abteilung die Post einer ganzen Woche noch da war. Ich habe das Gefühl, die Leute sehen mich als Kollegin und nicht als jemanden, den man netterweise eingestellt hat. Lange hat mich niemand auf mein Handicap angesprochen. Wenn jemand fragt, erzähle ich offen. Mein Handicap ist eine linkseitige Lähmung. Dadurch bin ich natürlich nicht so schnell, habe aber ein eigenes System. Mein Handicap ist ein kleiner Teil von mir. Alles andere, was gesund ist, was ich kann, ist viel grösser und wichtiger.

Leiterin Empfang Maria Tscharner mit Arbeitnehmerin Frau S.

Frau S. arbeitet sehr strukturiert und genau. Man merkt, dass sie etwas durchgemacht hat. Sie diskutiert nicht über Kleinigkeiten. Sie bringt Lösungen, die für die andere Person passt, kann aber schauen, dass es auch für sie passt. Ich habe keinen Mehraufwand wegen ihres Handicaps. Manchmal macht sie Sachen zu Hause an ihrem Computer und bringt sie mir mit, da sie hier keinen Arbeitsplatz mit PC hat. Deshalb weiss ich, dass sie eigentlich anspruchsvollere Arbeit machen könnte. Nur habe ich momentan nicht mehr Aufgaben abzugeben. Vielleicht könnte etwas für eine andere Abteilung, z.B. Datenerfassung dazukommen. Es müssten einfach kleinere Arbeiten sein, die nicht zu lange dauern – wegen ihrer Konzentration.

Cornelia Eberle, HR Business Partner mit Franz Schnyder, damaliger Leiter Interne Dienste

Bevor ich Frau S. kannte, hatte ich Bedenken. Ich kann eine beeinträchtigte Person nicht optimal betreuen. Ohne Coaching hätte ich das nicht machen wollen. Ab August hat Frau S. über den Personalverleih von „Profil“ bei uns für eine „Beobachtungsphase“ gearbeitet. Holcim hat monatlich einen fixen Betrag an Profil bezahlt. Ein solch stufenweiser Einstieg war ideal für uns. So haben wir die Gelegenheit gehabt, Frau S. kennen zu lernen. Sie hat uns überzeugt, da sie einerseits über die Qualifikationen verfügt und andererseits ihre Persönlichkeit sehr gewinnend ist. Ihre Motivation ist stark spürbar gewesen. Vier Monate später haben wir sie fest bei uns eingestellt. Sie ist zu 50% normal angestellt, wird aber nie so arbeiten können, wie jemand ohne Handicap. Deshalb haben wir den Lohn etwas angepasst. Beatrice Brühlhart hat uns diesbezüglich gut beraten.

Cornelia Eberle, HR Business Partner mit Franz Schnyder, damaliger Leiter Interne Dienste

Das Wichtigste ist, dass der Auftrag von „oben“ – also von der Geschäftsleitung – kommt. HR kann nicht einfach entscheiden in dem Stil „das machen wir jetzt“. Die Stelle muss bewilligt sein und muss zur Behinderung passen. Wenn man eine neue Stelle schafft, muss sie immer einen Mehrwert generieren. Hier geht es auch um den Respekt der Person gegenüber. Unsere Mitarbeiter sind sehr glücklich mit Frau S. Sie bringt einen guten Service und verbreitet auch gute Stimmung. Ein Grund für unser Engagement ist sicher auch die Reputation des Unternehmens. Man weiss von Studien, dass junge Leute immer mehr auf die Reputation eines Unternehmens schauen, zu dem sie arbeiten gehen. Wenn wir uns auch als sozialen und nachhaltigen Arbeitgeber positionieren können, ist das gut für uns. // Mai 2012
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