Compasso

Heilsarmee Brocki

Karin Wüthrich, Sozialpädagogin, Heilsarmee

Als Herr K. im Herbst 2008 krankgeschrieben wurde, habe ich vom Brockileiter Schweiz den Auftrag bekommen, die Wiedereingliederung von Herr K. zu begleiten. Durch meinen Einsatz konnte sich Herr Hunziker – Herr K.s damaliger Vorgesetzte – seinen Hauptaufgaben als Filialleiter widmen im Wissen, dass sich jemand um den Prozess mit Herr K. kümmert. Gleichzeitig ist auch Herr Bürgler, Case Manager beim Taggeldversicherer CSS aktiv geworden. Nach dem OK von Herr K.s Fachärztin für einen sanften Wiedereinstieg, hat er alle relevanten Personen zu einem ersten Roundtable eingeladen. Vorgängig habe ich mit Herrn K, aber auch mit Herr Hunziker und dem Personaldienst Gespräche geführt, um zu schauen, welche Möglichkeiten bestehen. Herr K. hatte vor seinem Ausfall eine stellvertretende Leitung. Es war aber klar, dass diese Funktion nicht mehr möglich ist.

Paul Bürgler, Case Manager der CSS mit Karin Wüthrich, Sozialpädagogin, Heilsarmee

Als Case Manager sprach ich zuerst mit der Personalverantwortlichen der Heilsarmee über den Arbeitsausfall von Herrn K. Bei der Wiedereingliederung ist es wichtig, den Arbeitgeber schnell zu kontaktieren, denn bei länger andauernder Arbeitsunfähigkeit ist der Arbeitgeber immer auch stark betroffen. Es ist meine Aufgabe alle relevanten Akteure im Fall zu koordinieren. Ich stand deshalb in ständigem Kontakt mit Herrn K., seinem Arbeitgeber, seiner Ärztin sowie der IV. Wichtig ist, dass alle am gleichen Strick ziehen und genau wissen, was die nächsten Schritte und das Ziel sind.

Karin Wüthrich, Sozialpädagogin, Heilsarmee, mit Paul Bürgler, Case Manager der CSS, Lara Schultess, Brockileiterin und Herrn K.

Beim Roundtable haben wir ganz konkret besprochen, ab wann, wo und zu wie viel Prozent der Wiedereinstieg möglich ist. Das Pensum ist vorerst auf 20% festgelegt worden. Im Anschluss haben wir ein Gespräch mit Herr Hunziker geführt und haben das Aufgabengebiet von Herr K. vor Ort strukturiert. Ein Thema war seine Tendenz, schnell Sachen zu übernehmen. Deshalb haben wir das pingelig festgelegt. An diesem Gespräch im Mai 2009 wurde zudem die IV-Anmeldung thematisiert. Beim zweiten Roundtable war dann die IV Eingliederungsberaterin ebenfalls dabei. In der Zwischenzeit hat Herr K. ab Juli 2009 mit einem Pensum von 20% angefangen zu arbeiten. Ab Januar 2010 hat er auf 40% erhöht. Vorher hatte er ein 90%-Pensum. Er hat also wieder rund die Hälfte seines Pensums gearbeitet.

Arbeitnehmer Herr K.

Nach über 20 Jahren im Brocki in Aarau kam es im Herbst 2008 zu einem Knall. Wir haben diese Erkrankung in der Familie und es ist deshalb schon lange ein Thema für mich. Meistens hat es aber die Arbeit nicht betroffen. Doch irgendwann habe ich dem Druck – immer alles perfekt zu machen – nicht mehr Stand gehalten. Wir waren damals im Wallis in den Ferien. Oft hat mich die Depression in den Ferien eingeholt. Aber in diesen Ferien sind meine Angstzustände aber extrem geworden. Ich hatte körperliche Symptome in einer Stärke, wie ich sie vorher noch nie hatte. Ich bin zu meinem Hausarzt und habe gesagt: „ich mag nicht mehr.“ Weil ich privat gut eingebettet bin, haben wir in der Nähe einen Facharzt für eine Therapie gesucht. Noch heute gehe ich jeden Dienstag dort hin. Herr Bürgler und Frau Wüthrich wurden 2008 sofort eingeschaltet. Über Frau Wüthrich habe ich von der Heilsarmee signalisiert bekommen: „Du bist uns wichtig.“ Wir haben uns regelmässig getroffen, geschaut wie es mit der Arbeit geht oder z.B. meine Arbeit definiert: die Musik und ein Teil Bilder und Bücher, die ich schon vorher gemacht habe. Zudem habe ich immer die Gelegenheit gehabt, mich telefonisch bei ihr zu melden.

Karin Wüthrich, Sozialpädagogin, Heilsarmee mit Lara Schulthess

Für zwei Jahre ist es gut gegangen, dann ist im August 2011 das Brocki in Aarau niedergebrannt. Es war klar, dass eine Kündigung für Herrn K. destruktiv sein kann und, dass wir unbedingt eine Lösung suchen müssen. Der Brockileiter Schweiz hat mit der Filiale in Zürich Kontakt aufgenommen. –– Am Anfang war es als Übergangslösung gedacht. So haben wir gleich handeln können, damit Herr K. nicht aus dem Rhythmus kommt. Im Gebiet, in dem Herr K. spezialisiert ist, konnte ich jemanden gebrauchen. Dadurch hat es im Team keine grosse Veränderung gegeben, sondern sie konnten gewisse Arbeiten abgeben. –– Mein Auftrag war abgeschlossen, als klar war, dass es Herr K. gut geht und er in Zürich bleiben kann.

Arbeitnehmer Herr K.

Ende Jahr 2011 habe ich Bescheid bekommen, dass ich in meiner Stelle in Zürich bleiben kann. Ich bin mit der Situation hier sehr zufrieden. Ich bin gut eingebunden, kann mein Fachwissen einbringen, und bin akzeptiert vom Team. Mitarbeiter kommen, um mir Fragen zu stellen und ich kann helfen. Aber die Not von Anderen hat bei mir auch schon Not ausgelöst. Als in Aarau z.B. Leute krank geworden sind und jemand kommt: „könntest du nicht auch...“ oder „könntest du nicht wieder mehr als 40% arbeiten?“. Ich habe gelernt, klar Grenzen zu setzen, besser auf mich zu hören und auf mich selber aufzupassen. Depression ist etwas, was ich nicht aus meinem Leben heraus therapieren oder weg diskutieren kann. Es ist etwas, was ich akzeptieren und annehmen muss. Im Herbst und Frühling muss ich besonders aufpassen. Ich habe aber auch gemerkt, wie wertvoll und sinnvoll Arbeit ist. Für mich ist Arbeit auch Therapie und Lebensinhalt.

Vorgesetzte Lara Schulthess mit Arbeitnehmer Herr K.

Ich schätze es, dass er sehr pflichtbewusst ist. Er kommt manchmal in einen richtigen Stress, wenn er mal nicht alles erledigen kann. Ich sage ihm dann. „Das können wir doch machen. Mach uns einfach alles parat und dann machen wir die Bilder auf.“ Dann sagt er, „Nein, das ist mein Job.“ Das schätze ich sehr. Ich weiss, wenn er etwas machen muss, dann wird es gemacht. Seit er hier ist, habe ich ihn so erlebt, dass er ein sehr realistisches Bild von sich selber hat. Ich weiss nicht, ob das schon immer so war. Aber ich finde, dass er seine Grenzen sehr schnell sieht. Er kommt dann zu mir und sagt z.B.: „Das kann ich jetzt nicht.“ Er konnte nun erleben, dass man ihn ernst nimmt und, dass man eingreift. Das fördert das Vertrauen.

Vorgesetzte Lara Schulthess

Wenn man mit Personen zu tun hat, die psychisch zu kämpfen haben, hängt vieles von der Umgebung, dem Wetter oder der Situationen ab. So gibt es – wie bei uns – Zeiten, in denen man nicht so „zwäg“ ist. Bei Herrn K. merkt man das etwas intensiver und es gibt Zeiten, in denen er etwas mehr Aufmerksamkeit braucht. Man muss vielleicht häufiger fragen „Wie geht es dir?“ und sich Zeit nehmen, um zuzuhören oder ein Gespräch suchen. Zu einem grossen Teil ist aber Herr K. die erfolgreiche Eingliederung zu verdanken. Er hat den Kopf nicht in den Sand gesteckt. Die Hoffnung, dass es einen Weg gibt und sein Wille sind für ihn ein prägender Motor gewesen. Mein Appell an Arbeitgeber ist, dass sie den Menschen als Ganzes sehen und nicht nur als einer, der gibt. Man kann ihm etwas zutrauen – auch wenn im Moment alles schwarz aussieht. Auf der anderen Seite müssen sie die Grenzen kennen. Sie sind Arbeitgeber, nicht Psychiater. Es geht darum, zu merken „das geht jetzt über meinen Arbeitsauftrag hinaus.“ In solchen Situationen ist es wichtig, Hilfe zu holen – wie ich das auch bei Frau Wüthrich machen konnte. // April 2013
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