Compasso

Walliser Milchverband (WMV)

Arbeitgeber Olivier Jollien, Verantwortlicher HR und Finanzen

Herr Z. hat schon während seiner Berufsmatura ein Praktikum beim Walliser Milchverband (WMV, Dachorganisation der Walliser Milchproduzenten) gemacht und einen guten Eindruck hinterlassen. Damals habe ich noch nicht beim WMV gearbeitet, habe aber von Mitarbeitern gehört, dass sie zufrieden waren. Deshalb habe ich zugestimmt, als die Anfrage von der IV gekommen ist, eine berufliche Wiedereingliederung zu machen. Die Anfrage ist zum richtigen Zeitpunkt gekommen, da wir gerade interne Restrukturierungen hatten und tatsächlich eine offene Stelle hatten, die passen könnte. Ein Zweifel kommt immer auf, man fragt sich, warum die Person bei der IV war. Es könnte ja sein, dass sich der Zustand verschlechtert, wenn die Person zu uns kommt. Aber um rauszufinden ob es klappt, muss man diesen Schritt wagen. Wir haben uns einfach gesagt „Wir versuchen es. Wir haben die Möglichkeit zu helfen, also tun wir es.“

IV-Beraterin Carole Mayor-Rossier mit Arbeitgeber Olivier Jollien und Arbeitnehmer Herr Z.

Beim Erstgespräch mit Herrn Jollien hat Herr Z. sehr natürlich und ehrlich über seine Krankheit und auch über seine Grenzen gesprochen. Bei psychischen Beeinträchtigungen weiss man nie wie der Arbeitgeber reagiert, aber die Reaktion war positiv. Wir haben uns auf einen Trainingsarbeitsplatz in der Buchhaltung geeinigt. Am Anfang hat Herr Z. 4 Stunden pro Tag, 4 Tage pro Woche gearbeitet, damit er sich langsam wieder an die Arbeitswelt gewöhnen konnte. Ab Juni 2010 haben wir das Pensum langsam gesteigert. Da Herr Z. nie in der Buchhaltung tätig war, haben ihm berufsbegleitend Buchhaltungskurse bezahlt. Parallel dazu haben wir ein Coaching veranlasst. Der Coach hat ihn in der Einarbeitung begleitet, am Anfang wöchentlich, dann weniger häufig. Wir haben aber das Coaching ein paar Monate vor dem Ende der IV-Massnahme gestoppt, um sicher zu gehen, dass es auch ohne Coach klappt.

Arbeitnehmer Herr Z. mit Carole Mayor-Rossier

Meine psychischen Probleme haben im 2008/2009 angefangen. Ich hatte Probleme in der Realität zu bleiben, bin in eine eigene Welt geflüchtet und konnte nicht mehr in Kontakt treten mit den Leuten um mich herum. Ich war wie in einer Blase. Alles Reale war für mich falsch und die Welt in meinem Kopf war für mich richtig und real. Ich habe meine vorherige Arbeitsstelle verloren und musste in die Klinik. Die Sozialarbeiterinnen der Klinik haben mich bei der IV angemeldet. Mit Frau Mayor-Rossier hatte ich das erste Mal 2010 Kontakt. Sie hat mich gefragt: „Was möchten Sie beruflich machen?“ Ich habe ihr gesagt, dass ich gerne in der Buchhaltung arbeiten möchte, das ist mein Traum. Ich fand es genial, dass sie diesen Wunsch aufgenommen hat und das in die Wege geleitet hat.

Arbeitgeber Olivier Jollien und Arbeitnehmer Herr Z.

Wir haben eine interne Kommunikation gemacht, dass wir Herrn Z. einstellen im Rahmen einer Integrationsmassnahme der IV, aber ohne Details zu nennen. Die beiden Kollegen der Buchhaltung haben es gut aufgenommen und waren bereit es zu versuchen. –– Die Zusammenarbeit mit meinen Kollegen ist sehr gut, ich habe Glück. Sie haben mich nie als Kranken angesehen. Sie hatten Verständnis, dass ich langsamer war, haben mich aber immer normal behandelt. Was mir besonders gefallen hat, ist, dass man mir von Anfang an vertraut hat. Herr Brigante, mein direkter Vorgesetzter hat mir etwas zugetraut, aber mich nie gedrängt. Er hat mir Zeit gelassen und wenn er gemerkt hat, dass ich zu langsam bin, hat er wieder ein paar Aufgaben weggenommen.

Arbeitnehmer Herr Z.

Die Müdigkeit wegen den Medikamenten, hat mir am meisten Mühe gemacht. Ich konnte mich nicht gut konzentrieren. Darum habe ein Büro, das von den anderen etwas abgegrenzt ist, damit ich nicht dauernd abgelenkt bin, keinen Lärm habe. Wegen dem neuen Rhythmus im Arbeitsalltag hatte ich am Anfang dauernd Angst vor einem Rückfall, Angst wieder ins Spital zu müssen. Die Arbeit war für mich ein Weg in ein normales Leben, darum wollte ich unbedingt bestehen. Was mir extrem geholfen hat, ist die Freiheit bezüglich Arbeitszeit, die man mir gelassen hat. Ich konnte wählen, wann ich komme und gehe. Wenn es mir schlecht ging oder ich erschöpft war, konnte ich früher nach Hause, dafür bin ich am nächsten Morgen früh gekommen.

Arbeitgeber Olivier Jollien mit Arbeitnehmer Herrn Z.

Ich schätze an Herrn Z., dass er immer gut gelaunt ist. Und dass er sich extrem schnell ins Team und die Firma integriert hat. Herr Z. Ehrlichkeit hat vieles vereinfacht. Wir haben ihm auch gesagt, dass er uns sofort sagen muss, wenn es nicht geht, weil er sich selber am besten kennt und wir ja nicht in ihn hineinschauen können. Herr Z. war sehr schnell eine Unterstützung für das Team. Darum haben wir ihm ab März 2011 zusätzlich zum IV-Taggeld freiwillig ein Entgelt bezahlt, weil er für uns ein Mehrwert war. Seit Juli 2012 ist Herr Z. fest als Assistent in der Buchhaltung angestellt. Er arbeitet 70%, weil er nebenberuflich noch eine Ausbildung machen möchte, das hat aber nichts mit seiner Beeinträchtigung zu tun. Er hat eine Arbeitsfähigkeit von 100%.

Arbeitnehmer M. Z. mit seinem direkten Verantwortlichen Gaetan Brigante

Um wieder gesund zu werden brauchte ich drei Dinge: 1. meine Familie, die mich unterstützt, 2. eine Arbeit, d.h. umgeben zu sein von gesunden Menschen, damit ich wieder werden konnte wie sie und 3. Sachen für mich zu machen, z.B. den Kontakt zu meinen Freunden pflegen. Arbeit zu bekommen ist das Schwierigste der drei und Frau Mayor-Rossier hat mir das ermöglicht. Sie war für mich wie die gute Fee, die Wunder ermöglicht. Der Coach war auch wichtig für mich. Sie war eine Sicherheit, eine Schulter, um sich abzustützen. Ebenso mein Vater, der bei allen Gesprächen dabei gewesen ist. Ich glaube nicht, dass man aus einer Krankheit wie meiner herauskommt, ohne eine richtige Arbeit. Jemandem eine Arbeitsstelle zu bieten, ist jemandem ein Leben zurückzugeben. Man muss morgens aufstehen, hat einen Rhythmus und fühlt sich nützlich.

Arbeitgeber Olivier Jollien

Ja, ich würde auf jeden Fall noch einmal eine solche Eingliederung machen. Natürlich kommt es auch immer darauf an, welche Möglichkeiten man hat. Unser Unternehmen steht unter einem hohen Druck; wir können also nicht künstlich eine Stelle schaffen für eine Eingliederungsmassnahme oder einen Trainingsarbeitsplatz, ohne dass Bedarf da ist. Die Zusammenarbeit zwischen Firma und IV muss gut funktionieren, was hier der Fall war. Für uns war es wichtig zu spüren, dass die IV während der ganzen Eingliederung mit uns im gleichen Boot sitzt. Wenn wir oder Herr Z. Fragen hatten, konnten wir uns jederzeit an Frau Mayor-Rossier wenden. Ich rate anderen Arbeitgebern, dass sie sich sagen sollen „Versuchen wir’s“. Wir sind alle in einem Umfeld, wo man extrem produktiv sein muss. Aber manchmal muss man neugierig sein und ein Risiko eingehen. Nur so kann man positiv überrascht werden. // Mai 2013
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