Compasso

Varin-Etampage

Arbeitgeber Marc Chapatte, HR-Verantwortlicher

Herr G. hat im Jahr 2000 bei unserer Firma als Mechaniker angefangen. Varin Etampage stellt hochwertige Komponenten aus Metall für die Uhren-, Medizinaltechnik- und Mobiltelefoniebranche her. Als Herr G. im 2005 krank geworden ist, hat die Firma natürlich sein Schicksal mitverfolgt. Als dann im 2011 seine Anfrage kam, er wolle wieder arbeiten, war es für uns selbstverständlich zu schauen, was möglich ist. Wir hatten einen guten, korrekten Mitarbeiter und wir wollten ihn unterstützen bei der Wiedereingliederung.

Arbeitnehmer Herr G.

Ich lebe schon seit 1995 mit Krebs. Im August 2005 hatte ich meinen fünften Rückfall, der Oberschenkelmuskel war befallen und ich wurde krankgeschrieben. Bis März 2006 habe ich Bestrahlung und Chemo gemacht. Da das alles nichts geholfen hat, musste man mir das Bein amputieren. Ich habe eine volle Rente gesprochen bekommen und war ca. 6 Jahre arbeitsunfähig. Ich war insgesamt 36 Monate im Spital. Im letzten Jahr zu Hause hatte ich wirklich den Eindruck, wieder fit zu sein und habe mir gedacht: „Jetzt muss ich etwas unternehmen, ich kann nicht von morgens bis abends zu Hause sitzen, das halte ich nicht aus.“ Ich wollte nicht bis ans Lebensende von einer Rente leben. Ich habe den Direktor von Varin angerufen, Herrn Donze, weil ich einen guten Kontakt zu ihm hatte. Er hat mich öfters zu Hause besucht als ich krank war. Ich habe ihn gefragt was man machen könnte. Er hat mich sofort empfangen und ein Gespräch mit dem HR und der IV in die Wege geleitet.

IV-Eingliederungsberater Laurent Pilloud (3. v.l.) mit Marc Chapatte, Felice Alemanni und Herrn G.

Beim Erstgespräch mit Herrn Chapatte, Herrn G. und mir ging es darum zu diskutieren, welche Möglichkeiten es für Herrn G. gibt und natürlich auch, welche Grenzen ihm aufgrund seines Handicaps gesetzt sind. Wir haben Hindernisse diskutiert, v.a. architektonische, wie Treppen und enge Flure. Nach dem ersten Gespräch bekam die Firma eine Bedenkzeit. Sie sagten aber ziemlich schnell zu. Beim zweiten Gespräch ging es darum, eine angepasste Tätigkeit für Herrn G. zu finden. Er konnte nicht mehr als Mechaniker arbeiten, weil man dort vorwiegend im Stehen arbeitet. Es wurde ziemlich schnell klar, dass er als Produktions-Kontrolleur einsteigen kann, weil das seinen Möglichkeiten entspricht, sowohl bezüglich Handicap, als auch bezüglich seiner Ausbildung. Es ist eine gute Fortsetzung seiner früheren Tätigkeit. Herr G. selbst war auch sehr motiviert, er wollte wirklich wieder arbeiten und hat sich gut in dem Prozess eingefügt.

Direkter Vorgesetzter Felice Alemanni mit Arbeitnehmer Herr G.

Als ich von Herrn G.’s Kommen erfahren habe, habe ich mich gefreut; ich kannte ihn noch von früher. Ich hatte aber ein paar Fragezeichen bezüglich der Arbeitsumgebung, vor allem wegen der Fortbewegung. Ab und zu muss man die kontrollierten Stücke auch transportieren. Ich habe mich gefragt, wie wir uns organisieren könnten, um Herrn G. diese Last abzunehmen. Wie er sich mit den anderen vom Team arrangieren kann. Inhaltlich machte ich mir keine Sorgen. Da er Mechaniker war, hatte er Erfahrung mit der Kontrolle von Teilen und mit dem Lesen von Plänen. Ich habe mich entschieden abzuwarten, bis er kommt, bevor wir irgendetwas verändern.

Direkter Vorgesetzter Felice Alemanni mit Arbeitnehmer Herr G.

Im September 2011 ist Herr G. bei uns wieder eingestiegen. Die ersten sechs Monate waren eine Trainingsphase, um zu schauen ob es nach so langer Zeit ohne Arbeit klappt. Er hat sofort 100% gearbeitet. In dieser Zeit hat die IV ein Taggeld bezahlt. Für mich war es eine Probezeit wie für jeden anderen Mitarbeiter, um herauszufinden ob die richtige Person am richtigen Ort ist, unabhängig von seinem Handicap. Für mich war das Wichtigste, dass er die Aufgaben erledigen konnte und sie auch gern machte. Ich habe Herrn G. gesagt, dass er sich sofort melden soll wenn es Probleme gibt, damit wir die Sache sofort anpacken und ändern können. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden und angefreundet. Ich schätze Herrn G.s Motivation, Engagement und Ehrlichkeit. Er ist sehr umgänglich und professionell. Es ist angenehm mit ihm zu arbeiten. Diese positiven Eigenschaften sind so überragend, dass man sein Handicap ganz vergisst. Auch die Qualität seiner Arbeit ist top.

Arbeitnehmer Herr G.

Ich hatte keine Angst bezüglich der Arbeit, dass ich es nicht schaffen könnte, weil ich ja langjährige Erfahrung hatte. Aber ich wusste nicht, ob ich es gesundheitlich schaffen würde. Es war ein grosser Wechsel, nach sechs Jahren zu Hause wieder um fünf Uhr aufstehen und erst um 17.30 wieder zu Hause zu sein – was heisst die Prothese 12h zu tragen. Die ersten Wochen haben mich geschlaucht. Ich ging heim und sofort schlafen. Das machte mir schon Angst. Aber es ging gut, und ich habe einfach in der Freizeit für Ausgleich gesorgt und auch die Prothese sofort ausgezogen wenn ich nach Hause gekommen bin und mich im Rollstuhl fortbewegt. Es gibt eigentlich keine Aufgaben die ich aufgrund meiner Beeinträchtigung nicht machen kann, ausser vielleicht eine ganze Serie von Teilen zu transportieren, weil ich mich am Treppengeländer festhalten muss. Ich kenne meine Grenzen. Die Teile sind sehr wertvoll, ich kann mir nicht erlauben sie bei einem Sturz fallen zu lassen. Das ist aber kein Problem, dann geht halt ein Kollege. Das ist heute so eingespielt und natürlich, dass wir uns gar nicht absprechen müssen. Wenn jemand runter geht, nimmt er die Teile von allen mit hoch.

HR-Verantwortlicher Marc Chapatte und IV-Berater Laurent Pilloud

Während der Eingliederung haben wir mit der IV einen Rundgang durch die Firma gemacht und geschaut, wie man die Arbeitsumgebung verbessern könnte. Wir haben beispielsweise Treppengeländer installiert, damit sich Herr G. einfacher fortbewegen kann. Wir haben das selber finanziert, weil wir fanden, dass es auch anderen Mitarbeitenden dient. Der Kontakt mit der IV war sehr gut. Es war eine reibungslose Zusammenarbeit, das war wichtig für das Gelingen. Ich glaube auch, dass die Unterstützung der IV Herrn G. psychologisch gesehen einen gewissen Halt und Sicherheit gegeben hat. –– Als IV-Eingliederungsberater war ich die Schnittstelle zwischen der Firma und dem Versicherten. Ich war selten physisch anwesend. Das war gar nicht nötig, es lief alles gut. Ich habe im Hintergrund alles eingefädelt und regelmässige Gespräche mit allen Beteiligten organisiert. Heute arbeitet Herr G. 100% in einem unbefristeten Vertrag und hat keine Rente mehr. Das ist schon unglaublich, wenn man bedenkt, dass er so lange arbeitsunfähig war!

Arbeitnehmer Herr G.

Die Arbeit hat mir gezeigt, dass ich noch fähig bin, etwas zu produzieren, zu leisten. Ich stehe am Morgen auf und weiss warum. Wenn man tief in der Krankheit steckt, fragt man sich: Was nütze ich? Man fühlt sich wertlos. Jetzt bin ich nicht mehr abhängig von den Versicherungen. Es ändert mein Selbstbild und ich glaube auch das Bild das meine Familie und mein Umfeld von mir hat. Ich bin sozusagen zurückgekehrt in den natürlichen Kreislauf von einem Menschen mit Arbeit. Heute nehme ich keine Medikamente mehr, nur selten eine Schmerztablette. Während der Krankheit waren es 30 Tabletten pro Tag. Ohne Morphium konnte ich nicht mal aufstehen.

Direkter Vorgesetzter Felice Alemanni

Ich habe Achtung vor der Leistung von Herrn G. Ich bin überzeugt, dass es nicht einfach war – physisch und mental. Er hatte wirklich einen riesigen Durchaltewillen. Ich selbst habe enorm viel gelernt bei dieser Wiedereingliederung, z.B. mich in die Mitarbeiter hineinzuversetzen, ihre Bedürfnisse zu verstehen, auch Prozesse im Allgemeinen zu optimieren. Schlussendlich hat so das ganze Team profitiert. Und ich habe gemerkt, dass man alles, was man gibt, zurückerhält. Ich rate anderen Arbeitgebern, keine Vorurteile zu haben, auch wenn das nicht einfach ist. Gemäss meiner Erfahrung muss man es einfach auf sich zukommen lassen. Erst dann darf man urteilen. // April 2013
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