Compasso

Bundesamt für Statistik

Personalbereichsverantwortliche und Integrationsbeauftragte Rita Seiler mit Vorgesetzter Verena Hirsch

Im Herbst 2012 ist die Stiftung IPT auf mich zugekommen und hat mir das Bewerbungsdossier von Herrn H. geschickt. Es handle sich um einen Journalisten, der schwere Depressionen erlitten habe. Er suche nun einen schrittweisen Wiedereinstieg in die Arbeit. Der Bundesrat hat im Juni 2011 Vorgaben für die Wiedereingliederung von Menschen mit Behinderungen in der Bundesverwaltung verabschiedet. Die Ämter können dafür Förderprämien und Betreuungspauschalen beantragen. Unser Departement hat die Prozesse zur Eingliederung von Menschen mit Behinderungen als Pilot-Einheit eingeführt. Deshalb wurden die Führungskräfte im BFS an Anlässen und über die Mitarbeiterzeitschrift schon früh informiert und geschult. Das Commitment für dieses Thema ist im BFS auch von der Departementsleitung her spürbar. So war schon viel Vorarbeit geleistet, als ich mit der Bewerbung von Herrn H. an die Abteilung Kommunikation und Diffusion gelangte.

Arbeitnehmer Herr H.

Journalist war eigentlich von Anfang an der falsche Beruf für mich. Ich bin eher ruhig, zurückhaltend. Als Radiojournalist muss man natürlich sehr offen auf Leute zugehen und unter hohem Zeitdruck arbeiten. Das hat mir nie zugesagt. Wegen den unregelmässigen Arbeitszeiten habe ich dauernd unter Schlafmangel gelitten. Ich habe mir aber gesagt, dass ich durchbeissen muss, wegen der Verantwortung meiner Familie gegenüber. Die Arbeit hat mir aber immer mehr zugesetzt. Die Krankheit habe ich zuerst nicht wahrgenommen. Dann haben aber Bekannte mich gefragt, ob mit mir etwas nicht stimme. Ich habe dann zum Thema „Depression“ recherchiert und gemerkt: Da passt sehr Vieles! Auch mein damaliger Arbeitgeber war sehr aufmerksam und hat mich zweimal einen Monat in Urlaub geschickt. In der zweiten Auszeit kam dann der Zusammenbruch, ich musste in eine stationäre Tagesklinik. Die Diagnose „schwere Depression“ war für mich auch eine Erleichterung, es wurde etwas greifbarer.

IPT-Beraterin Valbona Imami mit Rita Seiler und Verena Hirsch

Schon im ersten Vorgespräch bei IPT im September 2012 wurde klar, dass Herr H. wieder beruflich Fuss fassen möchte und dies auch schaffen kann. Die Wiedereingliederung sollte aber in einer echten Arbeitsumgebung sein. Eine Beschäftigung in einem geschützten Rahmen hätte sein angeschlagenes Selbstvertrauen nur noch mehr geschwächt. Über die Krankentaggeldversicherung des Arbeitgebers war die IV bereits über den Fall informiert. Sie hat dann auch sehr rasch Hand geboten für die Finanzierung einer Standortbestimmung und Potenzialeinschätzung durch IPT. Darauf aufbauend zahlt die IV nun während des Arbeitsversuchs bis Ende August Taggelder an Herrn H und ermöglicht die Begleitung durch IPT. –– Für uns war wichtig, dass der Arbeitsversuch für das BFS kostenneutral ist. Wir hätten für diesen Wiedereingliederungsversuch wohl kaum so rasch die nötigen Mittel erhalten.

Vorgesetzte Verena Hirsch mit Herrn H.

In unserer Sektion Kommunikation gibt es immer mehr als genug Arbeit. Da nimmt eine neue Person den Anderen nichts weg. Deshalb war ich offen, es zu versuchen. Da wir mehr Frauen sind, war es auch positiv, ein zusätzliches männliches Teammitglied zu erhalten. Beim ersten Vorstellungsgespräch im November 2012 war Herr H. sehr nervös und unsicher, das hat man ihm angemerkt. Er hat sogar gezittert und geschwitzt. Trotzdem hat er uns überzeugt und hatte am 3. Dezember 2012 dann seinen ersten Arbeitstag. –– Als in der Tagesklinik die Dienstleistungen von IPT präsentiert wurden, habe ich gleich gedacht, dass das etwas für mich sein könnte. Ich wollte wieder nach vorne schauen. Ich habe mich gefreut, als ich erfahren habe, dass ich bei der Bundesverwaltung ein Aufbautraining machen kann. Ich habe den Bund schon vorher als attraktiven Arbeitgeber wahrgenommen.

Verena Hirsch mit Valbona Imami, Rita Seiler, Herrn H.

Natürlich kann es bei uns in der Kommunikation hektisch zu und her gehen. Wir müssen oft Termine einhalten und haben viele verschiedene Ansprechpartner innerhalb und ausserhalb der Bundesverwaltung. Aber wir haben auch eine „culture de l‘erreur“. Bei Fehlern wird in unserer Abteilung grundsätzlich kein Drama gemacht jedoch hingeschaut. Aufklären, um es nächstes Mal besser zu machen, ist die Devise. Herr H. hat mit einem 50% Pensum angefangen. Ziel war, dass er wieder Vertrauen in seine Fähigkeiten gewinnt. Die regelmässigen Besprechungen alle vier bis sechs Wochen mit allen Beteiligten waren für uns alle sehr hilfreich. Wir haben gesehen, dass die Resultate stimmen und haben in Absprache mit den Ärzten gemeinsam entschieden, das Pensum langsam zu erhöhen. Heute kann Herr H. bereits wieder 80% arbeiten und wir möchten bis Ende August bei einer Arbeitsfähigkeit von 100% sein.

Arbeitnehmer Herr H.

Ich bin sehr offen empfangen worden, nicht als „kranker“ Mitarbeiter, den man besonders schonen muss. Am Anfang war es schwierig, sich in der Bundesverwaltung zurecht zu finden. All die Abkürzungen! Aber ich habe mich mit Unterstützung des Teams durchgekämpft. Am Anfang wollte ich mich häufig absichern, hatte Angst, Fehler zu machen. Da bin ich jetzt aber viel sicherer geworden. Ich bereite zum Beispiel Newsletter oder Medienmitteilungen vor und koordiniere Kontakte zu den Übersetzungsdiensten. Besonders Spass macht mir die Gestaltung von Dokumenten. Der Job ist herausfordernd und spannend. Ich bin aber sehr froh, dass man mir Zeit gegeben hat und langsam immer mehr Aufgaben dazu kamen. Während des Arbeitsversuchs erhalte ich Taggelder der IV. So kann ich mich ganz auf den Job und auf meine Gesundheit konzentrieren. Ohne IPT hätte ich es nicht geschafft, Frau Imami ist die Drehscheibe zu allen Beteiligten.

Vorgesetzte Verena Hirsch mit Herrn H.

Am Anfang musste er etwas viel den Arbeitsplatz wechseln, weil kein Büroplatz verfügbar war. Wir haben aber darauf geachtet, dass er immer in der Nähe von Teammitgliedern arbeiten konnte. Das Team geht oft gemeinsam Mittagessen, da ist er gerne mitgegangen, auch wenn er meist eher ruhig war. Er ist heute deutlich entspannter und bringt sich auch in den Teamsitzungen stärker ein. In letzter Zeit lasse ich ihn auch verantwortungsvollere Aufgaben übernehmen, auch mit gewissem Zeitdruck. Wie zum Beispiel eine Journalistenanfrage, die ich ihm delegiert habe. Erst hat es nicht geklappt weil eine interne Auskunftsperson nicht erreichbar war. Da habe ich ihm den Druck schon angemerkt. Ich habe ihn aber „schwimmen“ lassen und um 17 Uhr war alles piccobello erledigt. Das war ein klares Erfolgserlebnis. Er hat das auch so erlebt. –– Natürlich habe ich Respekt vor der Zukunft. Ich würde mich freuen, wenn ich hier bleiben könnte. Ich denke, ich könnte hier noch viel lernen.

Rita Seiler und Verena Hirsch

Der Arbeitsversuch läuft Ende August 2013 aus. Wir wurden in der ganzen Zeit kompetent begleitet durch Frau Imami von IPT, das war wichtig für uns. Das Ziel, dass Herr H. wieder voll arbeitsfähig ist, werden wir voraussichtlich erreichen. Wir sind sehr zufrieden und möchten Herrn H. eigentlich gerne behalten. Momentan haben wir in der Sektion Kommunikation keine finanziellen Mittel für eine feste Anstellung. Wir überprüfen aber im Hinblick auf 2014 die Stellensituation. Für die Fortsetzung des Aufbautrainings könnte Herr H. im Rahmen der Arbeitsvermittlung weiterhin von der IV unterstützt werden. // Juni 2013
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