Compasso

Blinde und sehbehinderte Menschen am Arbeitsplatz

Ein Gespräch mit dem Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband SBV

Der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband SBV unterstützt seit 1911 blinde und sehbehinderte Menschen in ihrem Bestreben, ein unabhängiges und erfolgreiches Leben im Beruf und in der Gesellschaft zu führen. Ein Fokus des SBV ist die Arbeitsintegration und der Arbeitsplatzerhalt von blinden und sehbehinderten Menschen.

Compasso: Wie sieht die Situation für blinde und sehbehinderte Menschen am Arbeitsplatz aus?
In der Schweiz leben etwa 145’000 Menschen mit einer Sehbehinderung im erwerbsfähigen Alter. Für sie ergeben sich unterschiedliche Herausforderungen am Arbeitsplatz. Personen, welche seit ihrer Geburt oder dem Kindesalter blind oder sehbehindert sind, haben Techniken erlernt mit denen sie ihre Arbeit erledigen können. So ist der Computer ein sehr wichtiges Instrument, welches beispielsweise Programme zur Verfügung stellt, die Informationen stark vergrössern oder vorlesen. Wenn die Sehbehinderung im Verlauf des Arbeitslebens auftritt, müssen die betroffenen Personen diese Techniken neu erlernen. Zudem muss am Arbeitsplatz eine Diskussion darüber stattfinden, was und wieviel diese Personen noch leisten können. Für viele ist eine Umschulung von grosser Bedeutung für den weiteren erfolgreichen beruflichen Werdegang. Dennoch kann eine weitere Beschäftigung oder eine Neuanstellung für Arbeitgebende ein enormer Gewinn sein.
Gute 2/3 der blinden und sehbehinderten Arbeitnehmenden brauchen mehr Zeit für ihre Aufgaben, und zeichnen sich im Gegenzug durch eine hohe Motivation und Gründlichkeit aus. Einige vereinbaren flexible Arbeitszeitmodelle, indem sie beispielsweise ihre verminderte Leistungsfähigkeit durch eine höhere Präsenzzeit ausgleichen. Arbeitgebende zahlen in einem solchen Fall die effektive Leistung. Ein Beispiel: Ein Arbeitnehmer arbeitet 100% und erledigt in dieser Zeit 60% der Aufgaben, die dieser Funktion entsprechen würden. Der Arbeitgeber zahlt den Lohn für ein 60% Pensum.

Compasso: Welche Unterstützung bietet die IV?
Durch die Tatsache, dass immer mehr Berufe mit neuen Informationstechnologien auskommen, ergeben sich für Menschen mit Sehbehinderung auch laufend neue Berufsfelder. Die Hilfsmittel, welche sie am Arbeitsplatz benutzen, werden von der IV finanziert. Die IV kompensiert weitere Aufwände der Arbeitgebenden finanziell, zum Beispiel den zeitlichen Aufwand bei der Einarbeitung mit Zuschüssen, oder mit Begleitmassnahmen am Arbeitsplatz, wie zum Beispiel einem Job Coaching.
Im Rahmen der Frühintervention stellt die IV rasche Hilfe in Aussicht, welche häufig jedoch nicht in Anspruch genommen wird. Arbeitnehmende befürchten aufgrund ihres «Outings» den Arbeitsplatz zu verlieren. So setzen sie auch die für sie so wichtigen Hilfsmittel nicht ein. Dabei ist es erwiesen, dass Arbeitnehmende, welche ihre Sehbehinderung offen kommunizieren, um ein Vielfaches zufriedener sind und eine frühzeitige Intervention am Arbeitsplatz bei neu aufgetretener Sehbehinderung vor der Arbeitslosigkeit schützt.

Compasso: Welche Tipps können Sie Arbeitgeber für die berufliche Eingliederung von Menschen mit Sehbehinderung geben?
Bei der Organisation der Arbeit ist darauf zu achten, dass die anderen Teammitglieder auf die betroffenen Mitarbeitenden Rücksicht nehmen. Eine solche Strukturierung der Arbeit wird jedoch von allen als positiv erlebt.
Insgesamt stellt eine solche Anstellung für Arbeitgebende einen deutlichen Imagegewinn dar.
Viele Unternehmen haben kein Gesamtkonzept zur Integration von Mitarbeitenden mit Behinderungen. Ein solches Gesamtkonzept könnte jedoch eine Chance bieten, Verbesserungen zu machen. Ein Unternehmen kann beispielsweise den Mut einer Person, ihre Sehbehinderung offen in ihrer Bewerbung zu thematisieren, konsequent belohnen und sie bei passendem Profil zum Vorstellungsgespräch einladen.

Compasso: Welche Rolle übernimmt der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband bei der beruflichen Eingliederung von Sehbehinderten?
Der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband hilft bei all diesen auftretenden Fragen mit seinem neuen Angebot im Bereich der beruflichen Integration weiter. Das Job Coaching, in Zusammenarbeit mit den Beratungsstellen des SBV in der Deutsch- und Westschweiz, bietet eine auf die Person zugeschnittene Begleitung. Arbeitnehmende und Arbeitgebende erhalten hier eine persönliche Beratung und Unterstützung zu den Themen Arbeitsplatzerhalt und Stellensuche. Im neuen Leitfaden, welcher gratis auf der Homepage des SBV heruntergeladen werden kann, sind erfolgreiche Bewerbungstechniken ebenso wie der Bewerbungsauftritt in Zusammenhang mit der Sehbehinderung thematisiert. Ein Blick in den Leitfaden lohnt sich auch für Arbeitgeber, denn auch Sie finden Hinweise, welche spezifischen Aspekte es im Rahmen der Selektion von Menschen mit einer Sinnesbehinderung zu berücksichtigen gilt. In unseren Kursen lernen blinde und sehbehinderte Menschen zudem, sich im Bewerbungsverfahren vorteilhaft zu präsentieren und die Aussichten auf den Erfolg im Vorstellungsgespräch gezielt zu steigern.
(02.03.2018)

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