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Das REP im Einsatz: Erste Erfahrungen der Suva Bellinzona

Interview mit Roberto Dotti, Direktor der Suva Bellinzona

1. Weshalb hat die Suva Bellinzona das REP eingeführt?
Wie wir alle wissen, kann eine Chronifizierung von Beschwerden bereits nach sechs Wochen Arbeitsunfähigkeit erfolgen. Um diesem Risiko entgegenzuwirken, setzt sich die Suva für eine frühe berufliche Wiedereingliederung ein. Die Reintegration in den Arbeitsprozess muss dabei selbstverständlich innerhalb der gesundheitlichen Möglichkeiten des Betroffenen stattfinden und darf den Heilungsprozess unter keinen Umständen gefährden. Wir sind überzeugt, dass eine frühzeitige Wiedereingliederung am Arbeitsplatz die Genesung sogar beschleunigen kann, sofern sie auf die richtige Weise erfolgt. Das REP ermöglicht einen direkten Kontakt zwischen Arbeitgeber und behandelndem Arzt und beschleunigt so den Informationsaustausch zwischen den Beteiligten, um genau jene bereits erwähnte Gefahr der Chronifizierung zu vermeiden. Idealerweise sollte die Suva in einfach gelagerten Fällen möglichst wenig eingreifen, zumal wir eine weitere Schnittstelle und damit ein komplizierendes Element in der Kommunikation zwischen Arzt und Arbeitgeber darstellen. Stattdessen sollten diese, natürlich mit entsprechender Zustimmung des Arbeitnehmers, direkt und im Interesse des Betroffenen interagieren können.

2. In welchen Bereichen kommt das REP zum Einsatz?
Theoretisch kann das REP in all jenen Fällen eingesetzt werden, die keine besondere Begleitung erfordern. Idealerweise dann, wenn eine vollständige Genesung oder zumindest eine Heilung ohne bleibende Funktionsstörung erwartet wird. Der Einsatz von REP erleichtert die berufliche Wiedereingliederung und verbessert bei richtiger Anwendung das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber, Arbeitnehmer und behandelndem Arzt.

3. Was sind Ihre Erfahrungen mit dem REP? Wo bestehen aus Ihrer Sicht konkrete Vorteile und allenfalls auch gewisse Herausforderungen?
Die bisherigen Erfahrungen sind äusserst positiv und haben in ausgewählten Fällen dazu geführt, die Dauer der Arbeitsunfähigkeit um bis zu 50% zu reduzieren. Keiner unserer Versicherten, die diesen Weg gegangen sind, hatte sich dabei unter Druck gesetzt gefühlt, möglichst schnell wieder an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren oder gar seinen Genesungsprozess zu gefährden; gleichzeitig konnten die Ärzte dank umfassender Kenntnis der Fakten, d.h. mit dem Wissen, was genau die körperlichen Voraussetzungen für die Ausübung der Arbeitstätigkeit waren, die Teil- oder Gesamtarbeitsfähigkeit genau definieren. Die ärztlichen Einschätzungen basierten somit nicht mehr nur auf dem aktuellen Heilungsstatus des betroffenen Arbeitnehmers, sondern berücksichtigten auch die Funktionsanforderungen im Zusammenhang mit der geplanten Arbeitstätigkeit.
Aufgrund seiner Effektivität ist zu hoffen, dass das REP in Zukunft vermehrt zum Einsatz kommt. Gerade weil das Programm auf dem gegenseitigen Vertrauen der beteiligten Akteure (behandelnder Arzt, Arbeitgeber und Arbeitnehmer) basiert, darf es aber niemals zu einem Druckmittel werden, da es sonst seinen ursprünglichen Zweck und seine Glaubwürdigkeit verlieren würde. Die Herausforderung besteht folglich darin, das REP weitherum bekannt zu machen und gleichzeitig seine verantwortungsvolle Nutzung zu fördern; nur dann wird das Vertrauen wachsen und immer mehr Ärzte und Arbeitgeber werden bereit sein, es im Interesse der Patienten/Arbeitnehmer zu nutzen.
(27.05.2019)
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