Compasso

Eidgenössische Zollverwaltung EZV

Arbeitgeber Enzo de Maio

Ich habe in meiner Rolle als Case Manager und HR-Berater der Oberzolldirektion von Herrn B.’s damaligem Vorgesetztem, dem Regionenkommandanten eine Meldung bekommen. Herr B. hat aus gesundheitlichen Gründen zwei Fortbildungskurse abbrechen müssen, wodurch seine Weiterbildung in Gefahr geraten ist. Er war mehrere Monate krankgeschrieben. Wir vom Case Management haben ein Abklärungsgespräch geführt um herauszufinden, wie tiefgreifend die Probleme sind. Wir haben uns eigentlich das Ziel gesetzt, ihn zu begleiten, dass er wieder als Grenzwächter arbeiten kann. Aber unser betriebsärztlicher Dienst, MedicalService, hat ihn aufgrund seiner psychischen Probleme als dienstuntauglich erklärt. Er hat also nicht mehr als bewaffneter Grenzwächter arbeiten dürfen.

Arbeitnehmer Herr B.

In dem Jahr, als ich krank geschrieben war, habe ich zu schlimmsten Zeiten die Wohnung nicht mehr verlassen können. Ich hatte Angst vor Menschenmengen, ich habe mich eingeengt gefühlt. Wenn ich keinen „Fluchtweg“ hatte, habe ich Angstschübe bekommen. Alltägliche Dinge wie auf die Post zu gehen, in einer Schlange anzustehen, oder Tram und Bus zu fahren, sind für mich unvorstellbar gewesen. Die Krankheit hat sich bei mir körperlich ausgewirkt, ich habe nicht mehr schlafen können, mir war schlecht und ich habe nichts mehr gegessen. Ich habe alles wieder lernen müssen, bin mit der Therapeutin Tram gefahren oder essen gegangen, möglichst da wo viele Leute sind, z.B. an der Herbstmesse.

Arbeitgeber Enzo de Maio mit Herrn B.

Da Herr B. nicht mehr zurück in seinen alten Beruf als Grenzwächter konnte, mussten wir eine neue Lösung für ihn finden. In Absprache mit dem Regionen-kommandanten, seinem damaligen Vorgesetzten, haben wir ihn für ein Arbeitstraining zu uns ins HR-Center genommen. Das HR-Center hier in Basel ist eine dezentrale Stelle der Oberzolldirektion. Wir sind ein 6-köpfiges Team und verantwortlich für 1200 Mitarbeitende, u.a. Grenzwächter. Das Ziel von diesem Arbeitstraining war, dass er wieder langsam anfängt zu arbeiten und eine Struktur hat. Im Arbeitstraining habe ich schon noch etwas von seiner Beeinträchtigung gemerkt. Er war irgendwie nicht voll da, war müde und unkonzentriert. Er ist am Anfang auch nicht mit uns in die Kaffee-Pause gekommen. Das sind ihm zu viele Menschen gewesen. Aber von aussen hat man ihm eigentlich nie etwas angemerkt, er ist ein aufgeschlossener Typ.

Arbeitgeber Enzo de Maio mit Herrn B.

Wir haben in einem Integrationsplan Ziele gemeinsam definiert und geschaut, wie wir ihn wieder auf 100% Arbeitsfähigkeit bringen können. In der ersten Phase war die Leistung noch sekundär. Dann haben wir geschaut, wie wir sie schrittweise steigern können. Wir haben schnell gemerkt, dass er sich gut eignet für das HR. Er hatte jedoch öfters Motivationsschwankungen, sicher im Zusammenhang mit der Krankheit. Diese Schwankungen habe ich ausgleichen können, indem ich ihn enger betreut habe. Wenn ich ihn ein bisschen angetrieben habe, ging es wieder. Es braucht viel Fingerspitzengefühl, wie viel Druck man ausüben darf. Einerseits bin ich Arbeitgeber und will eine gewisse Leistung sehen, anderseits sind Menschen mit solchen Beeinträchtigungen sensibel. Man muss den Schieber immer fein regulieren und ständig beobachten, wie sich der Druck auf die Person auswirkt.

Arbeitnehmer Herr B.

Am Anfang war das Arbeitstraining mehr ein Müssen. Ich habe es halt gemacht, weil es mir angeboten wurde. Ich habe noch meinem Beruf als Grenzwächter nachgetrauert. Ich habe oft den Gedanken gehabt „ Das ist ungerecht, ich bin doch kein schlechter Mensch, ich tue niemandem etwas zu leide. Und dann werde ich so bestraft, indem ich nicht auf meinem Beruf arbeiten kann.“ Die Uniform endgültig abgeben zu müssen – das war bitter, obwohl ich ja schon länger gewusst habe, dass ich nicht zurück kann. Aber in dem Moment habe ich es realisiert. Im Nachhinein betrachtet, ist jetzt aber sozusagen mein ursprünglicher Berufswunsch eingetreten – mit 10 Jahren Verspätung und einigen Umwegen – weil ich schon nach der Schule zwischen Polymech und KV geschwankt habe.

Arbeitgeber Enzo de Maio mit Herrn B.

Als das Arbeitstraining zu Ende gegangen ist, hat sich Herr B. auf den Vorschlag der IV hin für verschiedene Stellen im Büro und in seinem ursprünglichen Job – Polymech – beworben, aber erfolglos, denn für das Büro hatte er keine Ausbildung und auf dem Beruf des Polymech hatte er jahrelang nicht gearbeitet. Wir haben vorgeschlagen, ihn intern auszubilden. Die IV war bereit, ihm während der Dauer der Lehre Taggelder zu bezahlen, denn inzwischen war seine 2-jährige Lohnfortzahlung abgelaufen. Wir bezahlen ihm ergänzend einen Lehrlingslohn. Wir haben dann eine kaufmännische Lehre aus dem Boden stampfen müssen. Ich war Gott sei Dank mal Berufsbildner und habe gewusst wie das geht. Er hat im Sommer 2010 die KV-Lehre bei uns angefangen.

Arbeitnehmer Herr B.

In der Lehre gibt es verschiedene Stationen von ungefähr 6 Monaten. Überwiegend bin ich im Raum Basel, aber auch einmal in Bern in der Finanzverwaltung. Im Moment bin ich im Materialcenter; hier gefällt es mir bis jetzt am besten. In Bern habe ich einen Rückschlag gehabt. Das war für mich die schwierigste Zeit. Auslöser war das Pendeln von Basel aus. Ich habe aufgrund meiner Krankheit Mühe mit Zugfahren gehabt. Es ist mir zum Teil tagelang schlecht gewesen. Ich konnte nicht essen, weil ich immer Angst gehabt habe, mich übergeben zu müssen. Zwischendurch bin ich mit dem Auto gefahren, weil ich den Zug nicht mehr ertragen habe, aber das war sehr anstrengend. Ich habe mich durchgekämpft. Ich wusste, dass die Ausbildung eine grosse Chance ist und habe nicht abbrechen wollen. Ich habe natürlich gehofft, dass Herr De Maio sagt, es gäbe eine andere Lösung, aber ich glaube, er hat gewollt, dass ich es aushalte, es war wie eine Therapie.

Arbeitgeber Enzo de Maio mit Herrn B.

Ausser in der Zeit in Bern, hat es keine grösseren Schwierigkeiten gegeben. Ich habe hie und da ein Mail gekriegt, wenn etwas nicht geklappt hat, z.B. wenn er sich verspätet hat. Weil die Lehre für uns ganz neu war, war die Betreuung noch nicht optimal organisiert. Manchmal war er nicht genug ausgelastet. Das ist nicht gerade förderlich für seine Leistung und seine Motivation. Er hat sich dann halt anderweitig beschäftigt, z.B. mit Fussballresultaten. Er muss herausgefordert werden, dann funktioniert er. Er kann ja im Prinzip alles machen, vor allem auch technisch. Er hat auch Ideen, wie man etwas besser machen könnte. Bei Schwierigkeiten hat am meisten geholfen, diese direkt anzusprechen. Ihm zu sagen, „das passt mir nicht“ und mal auf den Tisch zu klopfen. Er hat meistens gewusst, worum es geht und hat es sofort eingesehen. Er hat sich eigentlich selber korrigiert.

Arbeitgeber Enzo de Maio

Warum ich das gemacht habe? Ganz einfach, weil wir die Möglichkeit dazu hatten, ihm diese Chance zu geben. Meine Chefin ist hinter mir gestanden. Alle haben mitgemacht. Wenn wir ihn nach dem Arbeitstraining weggeschickt hätten, hätte das tragisch enden können. Er wäre möglicherweise wieder in ein Loch gefallen. Und er ist ein guter, kooperativer Typ, da ist man auch persönlich motiviert, sich zu engagieren. Wir können uns stolz und mit geradem Rücken hinstellen und sagen, wir haben wieder einer Person mehr – einer jungen Person – eine Zukunft und Perspektive geben können. Im Sommer hat er Abschlussprüfungen, die er bestehen wird, da bin ich sicher. Wir haben von Anfang an abgemacht, dass er danach nicht bei uns bleiben kann. Den weiteren Weg muss er jetzt alleine schaffen. Ich lasse ihn mit einem guten Gefühl gehen. // Januar 2013
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