Compasso

Nachgefragt bei der Migros Genossenschaft Basel, Gewinnerin des Basler Sozialpreises 2016

1. Unser Engagement/Motivation
Die Genossenschaft Migros Basel als Teil der M Gemeinschaft fühlt sich dem Vermächtnis von Gottlieb Duttweiler verpflichtet. Er stellte stets den Menschen, sei es als Kunden oder Mitarbeitenden, ins Zentrum seiner Überlegungen. Das „Volkswohl" war ihm eine Herzensangelegenheit. So bekennen wir uns in unseren Leitbildern und in unserer Personalpolitik dazu, für Menschen mit „arbeitsmarktlichen" Benachteiligungen - wo sinnvoll - Integrationsmassnahmen bereit zu stellen. Dabei hat die (Wieder-) Integration der eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter klar Vorrang.

An dieser Grundüberzeugung hat sich auch trotz der erschwerten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für den Detailhandel in der Grenzregion nichts geändert.

Wir sind überzeugt, dass wir neben betriebswirtschaftlichen Argumenten - die Arbeitskraft sollte uns für die Erreichung unserer Ziele zur Verfügung stehen — auch soziale und gesellschaftliche Verantwortung tragen. Arbeit ist sicher primär Broterwerb — aber nicht nur. Aufgaben übernehmen und in einem Team seinen Beitrag leisten, trägt wesentlich zum Selbstwertgefühl bei und fördert letztlich die Integration in unsere Gesellschaft.

2. Was tun wir?
Basis ist für uns ein strategisch ausgerichtetes betriebliches Gesundheitsmanagement. Sensibilisierung, Prävention und Reintegration sind wichtige Säulen. Unsere Bestrebungen wurden am 27. Oktober 2015 mit dem Label „Friendly Workspace" (Rezertifizierung) ausgezeichnet.

Im Rahmen des Case- und Absenzenmanagements ergründen wir die Ursachen der Abwesenheiten. In Zusammenarbeit mit dem Krankentaggeld-Versicherer (SWICA/Suva), den IV- Stellen oder anderen Spezialisten suchen wir aktiv mit den Betroffenen und den internen Stellen nach Möglichkeiten, Mitarbeitende im Arbeitsprozess zu halten. Kreativität, Ausdauer, Empathie und Geduld sind dabei gefordert. So werden Arbeitsversuche, Risikoabklärungen, Suche nach neuen Aufgaben und Einsatzgebieten, Filialwechsel bis zu Umschulungen begleitet und mitfinanziert. Über eine Sozialkostenstelle federn wir die schrittweise Rückkehr an den Arbeitsplatz ab. Wir betreuen permanent zwischen 70 -100 Langzeitkranke.

Daneben geben wir auch Aussenstehenden in Zusammenarbeit mit langjährigen Partnern wie Overall, GAW, K5, Zentrum für Brückenangebote (Vorlehre A Job) die Gelegenheit, Praktikas (4-12 Wochen) in unseren Filialen zu absolvieren, sei es um die Arbeitsfelder zu erkunden oder Arbeitsversuche zu starten. Wir reden hier von rund zwei Dutzend Personen (Jugendliche, Erwachsene, Frauen mit Migrationshintergrund oder Handicapierte). Immer mal wieder empfehlen sich dabei diese „Praktikanten", es kommt zu Teil-/Anstellungen oder es kann mit dem erworbenen Wissen und den praktischen Erfahrungen bei der Stellensuche gepunktet werden.

Dazu drei konkrete Beispiele:

a) Eine Lernende mit psychischen Einschränkungen absolvierte eine begleitete Lehre bei einem unserer Partner (GAW) und wurde im dritten Lehrjahr in einer Migros Filiale eingesetzt. Nach Ablauf der Lehre liegen eine Empfehlung zur Weiterbeschäftigung und ein Arbeitsvertrag vor. Leider konnte die Lernende die Arbeit aus psychischen Gründen nicht antreten. Die IV übernahm dann den Fall und das Coaching. Nach mehreren Monaten wurde sie nach überwundener Krise in einer unserer Filialen wieder weiterbeschäftigt.

b) Eine Mitarbeiterin, 40 Jahre, Verkäuferin Non Food, verletzte sich an der rechten Hand, , zusätzlich beklagte sie Rückenschmerzen. Sie war lange Zeit arbeitsunfähig und musste intensive Therapien absolvieren. Nach einigen Monaten arbeitstherapeutischer Einsätze mit eingeschränkter Leistung am angestammten Arbeitsplatz und regelmässigen Standortgesprächen in der Filiale wurde die Präsenzzeit schrittweise gesteigert; dies über die Sozialkostenstelle für die Filiale finanziell abgefedert. Eine vollumfängliche Arbeitsfähigkeit konnte am angestammten Arbeitsplatz jedoch nicht mehr erlangt werden (Leistungseinschränkungen infolge der zu schweren Hebearbeiten). So versuchten wir einen Wechsel an die Kasse, was ohne Einschränkungen möglich war. Nach einer Einarbeitungszeit konnte die Mitarbeiterin definitiv die neue Funktion übernehmen.

Der Eingliederungsprozess wurde vom internen Case- und Absenzmanagement koordiniert. Im Rahmen von regelmässigen Standortgesprächen mit den Vorgesetzen, dem Casemanagement der SWICA und dem Eingliederungsberater der IV konnte dieser Wiedereingliederungsprozess nach über einem Jahr erfolgreich abgeschlossen werden.

c) Eine grossen Stadtfiliale bietet nach Möglichkeit regelmässig Praktikas zwischen 4 und 12 Wochen. an. Von unseren Partnern Overall und Job-Zentrum empfohlene Personen erhalten die Chance, ein Berufsfeld zu erkunden, wertvolle Arbeitserfahrungen zu machen und sich Qualifikationen anzueignen, um sich letztlich für den (Wieder-) Einstieg in den Arbeitsmarkt zu empfehlen. Spezifische Programme bestehen für Migrantinnen und Migranten, die gemeinsam mit unserer Partnerin K5 sich für den Einstieg in den Arbeitsmarkt fit machen (Vermittlungsquote 2015: 30-50%).

3. Tipps/Empfehlungen
Unsere Erfahrungen nach 15 Jahren erfolgreicher Praxis:

a) Der unternehmenspolitisch-ethisch verankerte Wille der Unternehmensleitung und Unterstützung durch die Führungskräfte (Einbettung in eine Gesundheitsstrategie und Personalpolitik) ist die zentrale Voraussetzung für den Erfolg.

b) Produktivität und soziale Verantwortung schliessen sich nicht aus. Wir können es uns neben ethisch-moralischen aus betriebswirtschaftlichen Gründen nicht leisten, Knowhow zu verlieren resp. zu verschmähen. Um diese Balance zu finden, arbeiten wir gezielt mit ausgewählten Filialen/ Organisationseinheiten resp. deren Kadern zusammen.

c) Zuständigkeiten und Prozesse sind zu regeln.
Wer im Unternehmen (Casemanagement/ Sozialdienst/ Arbeitssicherheit/ Personalabteilung) arbeitet mit den externen Stellen (KTG-Versicherer/SUVA/IV, Ärzte, Reintegrations-Partnern) zusammen? Wie? Die sich stellenden Probleme sind vielschichtig und bedingen eine systemische Sicht mit wechselnden Protagonisten im konkreten Fall.

d) Klarheit schaffen, wie die Betreuung und die finanziellen Beiträge auf die diversen Akteure verteilt sind. Mit einer Sozialkostenstelle, die explizit die Reintegration der eigenen Mitarbeitenden für die Kostenstellen finanziell abfedert, ergänzen wir die Möglichkeiten, welche die Versicherer oder die Reintegrationspartner bieten können.

e) Feedback zu den Prozessen und erfolgreiche Integrationsfälle kommunizieren, v.a. nach Innen. Erfolge spenden Mut, Zuversicht und spornen an. Sämtliche Aktivitäten werden intern oder mit den Externen begleitet, reflektiert und ausgewertet. Auch „Misserfolge" sind möglich und sind transparent zu machen, um daraus zu lernen. Die vor Jahren definierte Strategie/Politik wird so sichergestellt und gezielt weitergeführt.
(09.05.2016)

Weiterleiten